Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Der jüdische Student [Rezension]
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
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Ö74 Im deutschen Reich. heimatlichem Boden kämpfen müssen, steht der Bund der jüdischen Korporationen, ohne sich freilich offen dazu zu bekennen, aus einem besonders national-chauvinistischen Boden, der mit dem bloßen Bekenntnis zum Zionismus durchaus nicht erschöpft wird. Seine Auffassung von der Lage des Judentums ist eine so desperate, daß, er nur von dem nationalen Zusammenschluß aller Juden, von der Regeneration des jüdischen Volkes eine Erlösung erwartet. Den Kampf gegen den Antisemitismus hält er für eine negative Betätigung, wenngleich er ihn auch für eine elementare Notwendigkeit erklärt, und spöttelt über das Entwicklungsprodukt der „unübertrefflichen deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens". Hingegen führt er den Mühlen der Antisemiten das Wasser zu, indem er die Entnationalisierung der Juden der ganzen Welt zugunsten einer jüdischen Nationalisierung predigt. So rechtfertigt er den Vorwurf, den man den Juden wegen ihrer angeblichen internationalen Solidarität oft zu Anrecht gemacht hat, und sieht nur in der Auffrischung der jüdisch-nationalen Kräfte die Erneuerung des Judentums. Diese Zukunfts-Atopien erschweren uns den Kampf um unsere Gleichberechtigung und stiften mit ihrem „starken nationalen Stolz und Selbstbewußtsein" nur Verwirrung in den jugendlichen Köpfen. Ein tatenfroher Optimismus, wie er sonst die Jugend auszeichnet, wird durch einen negativen Pessimismus verdrängt, der unfruchtbaren Ideen nachjagt und dabei zu einer Intoleranz gegen anders Denkende kommt, die erschreckend wirkt. Kurzsichtigkeit, Anehrlichkeit, Verrat, Helotensinn, sind einige der Vorwürfe, die erhoben werden, um die „Vertreter eines äußerlichen und philiströsen Trotzjudentums" zur „Rückkehr zum Volke" anzuregen. Bei solchen Anschauungen wird sich niemand wundern, wenn man in diesen Kreisen dem Sombartschen Vortrag über die Zukunft der Juden mit Befriedigung (S. 374) entnimmt, daß. sich die Ideen des modernen Judentums allmählich durchzusetzen beginnen und vor der ernsten Prüfung der Wissenschaft standhalten. Wie es damit steht, wlssen unsere Leser aus den Berichten und Kritiken dieser Zeitschrift. Wir leben der Hoffnung, daß sich die überwiegende Mehrheit der jüdischen Studenten von den völkischen Aspirationen des Bundes jüdischer Korporationen nicht auf Irrwege locken lassen, sondern es mit Schiller halten wird: Ans Vaterland, ans teure, schließ, dich an. Hier sehen wir die Wurzeln unserer Kraft, die uns die Antisemiten abgraben wollen. And wenn der Bund jüdischer Korporationen dem Kampfe gegen den Antisemitismus auch alles Große rund Befreiende abspricht, so werden wir ihn weiterführen in dem Bewußtsein, nicht nur für uns, sondern für Vaterland und Kultur zu kämpfen. Dr. J. L,