Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Patria [Rezension]
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 108 (sequence 2)
- Language
- German
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108 Im deutschen Reich. schluß über den jetzigen Stand dieser Frage in den einzelnen Ländern Europas und außerhalb Europas und über die Erfahrungen, die mit der Zulassung von Frauen zürn aktiven und passiven Wahlrecht im Staat und in StadtverwalLungen bisher gemacht worden sind. Zwei Aufsätze werden bei den Lesern unserer Zeitschrift besonderes Interesse erwecken. Der eine gibt einen Vortrag wieder, den Waumann über: „Das moderne Geschästsleben und der christliche Glaube" in der Kriegsakademie gehalten hat. Wenn, wie der Titel es sagt, R. in erster Linie es mit dem christlichen Glauben zu tun hat, muß er doch, da dieser Glaube auf das Alte Testament zurücksührt, sich auch mit den Lehren der Bibel beschäftigen, und fesselnd sind seine Ausführungen über Kaufmannsgeist und Religiosität. Er bespricht dabei auch den Sombartschen Standpunkt, der die Anfänge des Kapitalismus bei den Juden sucht und aus Bibel und Talmud die Stellen zusammenträgt, wo Erwerb und Vermögen als Segen Gottes erscheinen. Gegenüber der Sombartschen Einseitigkeit sagt Ti. (S. 133): „Von Haus aus ist die Bibel nicht besonders kaufwannsfreundlich.." „Der Grundton der alttestamentlichen Volksreligion ist zwar sicherlich eine Freude an irdischem Glück und Behagen, aber doch ebenso sicher eine Ablehnung des besonderen Prositbegrisfes, den SombarL schon im alten Israel sucht." R. fügt freilich hinzu: „So wenigstens liegt es bis zum babylonischen Exil. Von da an beginnt das Rechnen mit Gott und Menschen, aber gerade deshalb steigt nur im Reuen Testament der Gegensatz gegen diese Rechenseele desto höher, und nie vorher und nachher wurde der Protest gegen den Kaufmannsgeist schärfer formuliert als von Jesus und seinen Aposteln." Ti. beweist diesen vermeintlichen Wandel seit dem babylonischen Exil mit keinem Wort: aber wir wissen ja, daß auch die freisinnigsten christlichen Theologen, um das Iesusbild möglichst hell glänzen zu lassen, den Hintergrund nicht dunkel genug malen können. R. gibt auch zu, daß die idealen Forderungen der Bergpredigt mit den Forderungen des wirklichen Lebens unvereinbar sind. S. 134: Alle diese Worte vertragen wir, wenn sie aus der Kanzel gelesen werden oder in der stillen Hausandacht eines Pfarrhauses; aber wie wäre es, sie als Inschriften für „christliche Geschäftshäuser" zu verwenden? Ist das nicht die Grundlage der RahrungsMittelindustrie: was werden wir essen? Ist es nicht die Frage der Brauer und Wirte: was werden wir trinken? Ist nicht die Systematisierung der von der Bergpredigt abgelehnten Sorgen der eigentliche Charakter des modernen Geschäftes?" R. weist auf die Umwege und allerlei Spitzfindigkeiten hin, mit denen die Frommen die religiösen Gebote umgingen und durch Unterscheidung berechtigter und unberechtigter Ausnahmefälle verstanden, den Geboten zu