Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 702 (sequence 2)
- Language
- German
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702 Im deutschen Reich. wir überall. Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit ja auch davon überzeugt, daß sich der antisemitische Passus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. Sind doch auch im Judentume konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Judentume so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei rassereinen Deutschen entwickelt haben. So soll uns vollends der Katholik als Staatsbürger, als Mensch und als Christ nicht von vornherein Gegenstand des Mißtrauens sein, sondern wir wollen seine Mitarbeit „in echt nationalem Geiste zum Segen des Vaterlandes" willkommen heißen, wo wir sie finden." Der „antisemitische Passus" des Tivoli-Programmes der Konservativen vom Dezember 1892 lautet wörtlich: „Wir bekämpfen den vielfach, sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben. Wir verlangen für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schüler." In dem Entwurf dieses Programmes war auch der Satz enthalten: „Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitismus." Aber selbst diese Verurteilung wenigstens des Radau-Antisemitismus wurde auf dem Tivoli-Parteitag der Konservativen mit überwältigender Mehrheit ausdrücklich gestrichen. Gerade die Kreuzzeitung ist dasjenige Blatt, das in immer steigendem Maße die Drachensaat des Antisemitismus ausgesät hat. Wenn sie und die ihr nahestehenden Kreise einsehen würden, daß nicht nur im Interesse der Juden, sondern auch im Interesse der Wohlfahrt des deutschen Volkes auf dem beschrittenen Wege nicht mehr weiter gegangen werden kann, wäre eine solche Gesinnungsänderung begrüßenswert. Allein hier heißt es auch „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Die „Kreuzzeitung" weicht auch bereits wieder zurück; denn nachdem der „Reichsbote" und die „Deutsche Tageszeitung" ihr eingeschärft hatten, daß der Kampf gegen das Judentum jetzt fast noch mehr gerechtfertigt sei als früher, schreibt sie: