Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 9 (September 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-09-01
- Page
- 608 (sequence 8)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. 6u8 „Verrat der Interessen ihrer Mitglieder" vorgeworfen habe. Bereits Lei der Wahlbewegung im Monat Juni hat - sich die „Köln. Ztg." über das „niedrige Niveau" der Agitationsreden der Vertreter des Bundes der £anbvoixtz in scharfer Weise geäußert. Seit den Niederlagen der Agrarier bei den Wahlen in den Kreisen Usedom-Wollin und Friedeberg-Büdingen hat sich der Zorn der agrarischen Antisemiten beständig so gesteigert, daß ihre Presse ihm in geradezu grotesker Weise Lust macht und dabei wie gewöhnlich auch gegen die Juden zetert. Die in der „Kreuz- Zeitung" und dem „Reichsboten" enthaltene Behauptung, die freisinnigen Juden von P a s e w a l k und Swine-, münde Hütten bei der Stichwahl im Kreise Ueckermünde-Usedom-Wollin das Steigen der für den Sozialdemokraten abgegebenen Stimmen herbeigeführt, hat s. Z. das „Berliner Tageblatt" veranlaßt, darauf hinzuweisen, wieviel j ü d i s ch e Wähler es in Pasewalk und in Sw i n e m ü n d e eigentlich gib t." In ganz Pasewalk leben — bei 10 519 Einwohnern — ungefähr 160 Juden, in ganz Swinemünde — bei einer Bevölkerung von 13 272. — ungefähr 125. Da nach der amtlichen Statistik auf immer sechs Einwohner in Preußen ein Wühler kommt, so haben sich in Pasewalk und Swinemünde zusammen ungefähr 48 Jude n an der Wahl beteiligen können." Wir vermuten, daß die Wahlbeteiligung der Juden in den beiden Orten größer gewesen ist, als das „Berliner Tageblatt" angenommen hat, und hoffen, daß überall, wo es gilt, bei Stichwahlen den Erfolg eines judenfeindlichen Kandidaten zu verhindern, jeder Jude es künftig als Pflicht betrachten wird, von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen und seine freisinnigen christlichen Freunde zur Wahlbeteiligung zu ermuntern und davon möglichst zu überzeugen, daß die Vermehrung der Zahl der antisemitischen Mitglieder der gesetzgebenden Versammlung nicht nur dazu beiträgt, die vom Kaiser Friedrich als „Schmach des 19. Jahrhunderts" bezeichnte Bewegung im 20. Jahrhundert fortwuchern zu lassen, sondern auch die gesamte bürgerliche Freiheit zu untergraben. Wo der „Bund der Landwirte" die Hand im Spiele hat, wird Antisemitismus gezüchtet,