Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Judenfurcht
- Date
- 1910-03-01
- Page
- 134 (sequence 1)
- Language
- German
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134 deutschen Reich. „Iudenfurcht." Bon L. H. Reiß in Frankfurt a. 3)t.*) Unter Ferdinand dem Katholischen und seiner Gemahlin Jsabella wurde im Jahre 1480 die Inquisition, welche die römische Hierarchie zur Aufsuchung und Vertilgung der Ketzer ins Leben gerufen hatte, in Spanien eingeführt und Thomas de Torquemada zum ersten Großinquisitor ernannt, der 1481 zu Sevilla das neue Gericht eröffnete. Im Anfang hauptsächlich gegen die Neuchristen (Maraunen) gerichtet, dehnte dieses Sanctum officium bald feine jeder Menschlichkeit und Gerechtigkeit Hohn sprechende Tätigkeit auch auf die Juden aus, die damals wieder eine hochgeachtete Stellung auf der Pyrenäischen Halbinsel einnahmen, obschon sie im vorhergehenden vierzehnten Jahrhundert nicht allein in Spanien, sondern auch in Deutschland, Frankreich usw. von der durch geistliche Würdenträger und Intriganten fanatisierten Menge zu Tausenden erschlagen und ihres Vermögens beraubt worden waren. Furcht vor den Juden, „Judenfurcht", war nicht die Triebfeder dieser Abscheulichkeiten. Ein verblendeter Glaubenseifer und der Neid, der, stets genährt, sich zu Haß verdichtet und als solcher vor keinem Verbrechen Halt macht, hat diese ungeheuerlichen Ereignisse veranlaßt. Die Leidensgeschichte der Inden erzählt hiervon Einzelheiten, deren Wiederholung zu grausig ist und auch weit über Zweck und Rahmen dieser Arbeit hinausgehen würde. 200 Jahre lang wüteten die Nachfolger Torquemadas; sie brachten über 30 000 unschuldige Menschen ciuf den Scheiterhaufen und belegten mehr denn 300 000 Personen mit empfindlichen Strafen. Aber alle diese Schrecken wurden noch durch ein in der Weltgeschichte beinahe einzig dastehendes Ereignis übertroffen: im Jahre 1492 wurden die nach den Abschlachtungen noch übriggebliebenen 160 000 Juden aus Spanien und Portugal ausgewiesen, zum Teil zwangsweise in andere Länder verbracht, au unwirtlichen Küsten aus gesetzt *) Dieser Artikel ist von Herrn Reih zunächst der Redaktion der „Zukunft" übersandt, die Aufnahme aber abgelehnt worden. Herr Harder schrieb dabei, er müsse zu seinen Bedauern das Manuskript zurückschicken weil er so viele Erwiderungen auf den im Dezemberheft d er „Zukunft^ Seite 380 veröffentlichten Artikel „Massenaufstieg" erhalten habe, daß er, „un nicht einer Bevorzugung verdächtig zu werden", alle zurückgeben mußte.