Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Graf Cohn [Rezension]
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 125 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau. 125 wandern, frühzeitig aus dem Leben gehen, gescheitert als Mensch, als Gatte, als Jude. In trockenen Sätzen jenes traurige Bild, das mit mehr oder weniger großen Variationen nicht selten unter unseren Glaubensbrüdern beobachtet werden kann. Mit scharfem Blick hat der Verfasser die Wirklichkeit beobachtet, mit kräftigen Strichen diese wahr gesehenen Menschen und Verhältnisse hingezeichner Diesen völlig talentlosen Inden, dem es an der Geschäftstüchtigkeit seines Vaters und Großvaters wie an jeder Klugheit mangelt: der ohne jedes Streben, selbst etwas zu sein, dahinlebt, keinerlei echtes, reines Gefühl, nicht den geringsten eigenen Stolz besitzt. Sein Geld soll ihm zum Lebensglücke verhelfen, das er in der hohen Aristokratie zu finden hofft. Mit verhaltener Ironie berichtet der Verfasser von dem Gefühle berauschender Seligkeit, die Isidor Cohn erfüllt, wenn er aus der Straße einen Herrn vom hohen Adel — grüßen darf, oder sogar mit einem Offizier gehend gesehen wird. Geradezu, köstlich wirkt die Szene, wie er seinen Haushalt voll größter Erregung umgestaltet, weil ein adliger Leutnant zum Frühstück erscheinen soll, und wie er nach dreiviertelstündigem, ungeduldigem Warten — eine Absage erhält. — Es ist wahr: ein solches Bild eines Glaubensgenossen berührt peinlich: leider ist es nicht die Phantasiegestalt eines Dichters, sondern, wie schon bemerkt, der Wirklichkeit abgelauscht. Aber der treue, selbstbewußte Teil unserer Gemeinschaft braucht sich dieser Existenzen nicht zu schämen. Auch der Verfasser legt offenbar Wert daraus, zu zeigen, daß selbst die höchste Aristokratie nicht völlig sich von unwürdigen Elementen freihalten kann. In den Kreisen, die Isidor Cohn mit Freuden aufnehmen, sind Gesinnung und Moral fremde Begriffe; da herrscht Heuchelei nach oben und nach unten, Ränkesucht und Ungerechtigkeit: hier ist das Geld eine Macht, der sich selbst der Adel unterwirft. Daher schmeichelt man mit liebenswürdigster Gebärde dem Juden, der in tiefster Seele verhaßt ist. Man zwingt eine Gräfin, nach der Isidor Cohn seine Hand ansgestreckt hat, zur Ehe mit diesem häßlichen, abstoßenden Menschen; sie soll durch diese reiche Heirat nicht so sehr eine gute Versorgung erhalten, als vielmehr ihren verarmten Verwandten Vorteile schaffen. Daß sie in dieser Ehe keine einzige glückliche Stunde haben wird — was kümmert das