Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Blütenlese
- Date
- 1909-11-01
- Page
- 610 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Im deutschen Reich. Wer fühlte sich nicht versucht, Schwechtens Lied vom Levy zu singen, doch das wäre antisemitische Roheit, und damit vergelten wir die echtjüdische Liebenswürdigkeit des kleinen Bochers nicht, der uns giftgeschwollen das kleine einsilbige Wörtlein entgegenzischte: Schack." Man brauchte über diese Dinge nicht weiter erregt zu sein, wenn sie nicht in versteckter Form alte Verleumdungen wieder aufwärmen würden. „Der blutgierige Fanatismus von Könitz, Xanten." Direkt das Ritualmordmärchen seinen Lesern vorzusetzen, wagt das Blatt nicht. Wohl aber wird zwischen den Zeilen aus jene ewigen Requisiten antisemitischer Agitation hingewiesen, die immer wieder aus dem Schreine geholt werden müssen, weil sonst der ganzen Bewegung die Zugkraft fehlen würde. Der Artikel ist offenbar nur deswegen geschrieben worden, um nach den zahlreichen Blamagen, die die Antisemiten Schlag auf Schlag in der. letzten Zeit erlitten haben, die abwandernden Scharen der Leser der antisemitischen Zeitung zu dieser zurückzusühren. Wehe dem „Judenblatt", das es wagen würde, in derartig verhetzendem Tone christliche Kirchgänger zu beschimpfen! Kein Mittel wird gescheut, um alten Haß wieder zu nähren und alte Märchen wieder zu erwecken. Dabei ist die Phantasie des Artikelschreibers noch dazu recht schwach. Denn da die Redaktionsräume der „Staatsbürger-Zeitung" sich nicht im Erdgeschoß, sondern im zweiten Stockwerk befinden, muß der angebliche „Bocher" schon recht laut „gezischt" haben. Aber antisemitische Ohren sind fein, ebenso wie antisemitische Erfindungsgabe. Man mag den Lesern der Zeitung das Vergnügen gönnen, das ihnen durch solche Betrachtungen geschaffen wird, nur sollten sie nicht vergessen, daß nicht die Juden es gewesen sind, welche den Tiefstand der antisemitischen Agitatoren verursacht oder aufgedeckt haben, sondern daß allmählich , die Verhältnisse stärker gewesen sind, als alle Versuche, die gemacht wurden, die vorhandene Situation zu verschleiern. II. Jüdische Eide. Weit schlimmer als die oben wiedergegebenen, doch schließlich auf denkende Menschen abstoßenden Bilder und Betrachtungen des antisemitischen Redakteurs ist eine andere