Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Hersfeld
- Date
- 1909-05-01
- Page
- 308 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Im deutschen Reich. 308 > hexsfelb, 18. April. Bei der in Kassel kürzlich erfolgten Auslosung der Geschworenen für die erste diesjährige Schwurgerichtsperiode des Landgerichtsbezirks ist Herr Bankier Jakob Hahn in Hersfeld mit ausgelost worden. Bis jetzt ist noch niemals ein Jude im Amtsgerichtsbezirk Hersfeld als Schöffe oder Geschworener ausgelost worden. T Daenrstadt, 2. April. Es dürfte im allgemeinen Interesse liegen, mitzuteilen, daß der jüngst verstorbene Geh. Reg.-Rat Dr. ing. Alfr ed M eff e 1, der geniale Baumeister, einer altjüdischen hiesigen Familie entstammt. Der Vater, Bankier S i m o n M e f f e 1 in Firma A r o n M esse l (nach dem Gründer der Firma so benannt), war ein tüchtiger Kaufmann, der das heute noch bestehende Geschäft zu großem Ansehen brachte. Der Ehe des Simon Messel sind zwei Töchter und drei Söhne entsprossen. Die älteste Tochter heiratete den Inhaber der Londoner Firma Seligmann & Stetthermer — Jsaae Seligmann —. Der jüngste Sohn Simon Messels, der jetzt verstorbene Alfred Messel, ist erst kurz vor seiner Verheiratung in Berlin zum Christentum übergetreten. Auch er hat den Beweis erbracht, daß ein Jude durch geistige Anlagen und rastlosen Fleiß aus dem Gebiete der Kunst Bedeutendes zu leisten imstande ist, und ungeteilte Anerkennung der Mitwelt finden kann. Daß die Taufe auf die geistigen Qualitäten keinerlei Einfluß übt, werden die größten Antisemiten sicher nicht bestreiten. Für antisemitische Rassenfanatiker bleibt selbst ein Mann wie Messel ein Jude; in jüdischen Kreisen kann aber die Erinnerung an diesen begabten Stammesgenossen nur den Schmerz darüber erneuern, daß die Schwierigkeiten, die die religiösen Vorurteile in Deutschland den Juden bereiten, ihre Talente zur Geltung zu bringen, der Judenheit geistig hochstehende Elemente entzieht, die unserer Gemeinschaft zur Ehre gereichen würden. Daß die Betreffenden auch ohne das Opfer ihrer religiösen Ueberzeugung zu bringen — wenn auch nach manchem schweren Kampf — die erzielten Erfolge hätten erringen und über diese dann doppelte Befriedigung hätten empfinden können, ist immerhin anzunehmen. Goethes Wort: Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein, hat für jeden Juden erhöhte Bedeutung; der jüdische Künstler aber sei in erster Reihe ein Kämpfer für die höchsten Ideale!