Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- L. R., Karlsruhe
- Date
- 1908-02-01
- Page
- 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316769-2339537--17458-2339644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 ^iii deutschen Reich. @n glaub unb bezeichnet sie als eines Bergleichs mit unseren deutschen Verhältnissen wert. Shaw sagt zu Nordau: „Der Brief, den Sie in den Spalten der „Frankfurter Zeitung" an mich gerichtet haben, beruht teilweise aus einein Mtßverständnis, das ich aufs tiefste bedaure. Wenn ich erwähnte, daß Sie Jude sind, als ich Sie meinen Lesern vorstellte, hatte ich nicht die Absicht, das antisemitische Vorurteil auszunützen, um Sie herabzusetzen. Es siel mir nie ein, anzunehmen, daß Sie etwas anderes als stolz darauf sein könnten, ein Jude zu sein. In England gibt es keine A n ti s e m ite n: wir haben stattdessen Zionisten; und ich bin als Freund der Zionisten bekannt. Wenn man hier für einen Menschen Interesse erregen will, muß man von ihm sagen können, daß er Jude sei. Am 19. April eines jeden Jahres pilgern unsere Konservativen,- unsere Imperialisten, unsere Anhänger der Hofpartei zum Monument des einzigen Premierministers von England, der ein Jude gewesen ist, und bedecken das Postament mit seinen Lieblingsblumen, den Primeln. Die vornehmsten Peers in unserem „House of Lords" heiraten Jüdinnen und werden als glücklich in ihrer Wahl betrachtet. In Deutschland kann es Ihnen nicht schaden, daß ich Ihre Acksse erwähnte, weil das jedermann weiß. In England wird 'es Ihnen nützen, weil jedermann sofort daraus schließen wird, daß Sie ein fähiger, ein reicher, ein gebildeter Mann und ein Mann von guter Herkunft sind. Der einzige Jude, der in England verachtet wird, ist der Jude, der sich seiner Rasse schämt." — Das, ist alles von Herrn Shaw zweifellos sehr freundlich gemeint, aber keineswegs vollständig ' zutreffend. Wer in England gelebt hat, der weiß, daß es dort keinen Rassenantisemitismus gibt und bei dem englischen Mischlingsvolk kaum geben kann, daß aber in weiten Bevölkerungsschichten das religiöse Vorurteil sehr mächtig ist und nur durch die Taufe überwunden wird. Der Premierminister Disraeli, der tatsächlich auf seine jüdische Abstammung stolz war, hätte als glaubenstreuer Jude nie die Hofpartei für sich gewinnen können. Die Jüdinnen, mit denen sich die Peers vermählen, haben ausnahmslos vorher den Glauben gewechselt. Die glaubenstreuen englischen Juden können sich kaum durch Vorurteile verletzt fühlen, weil sie meistens unter sich bleiben und mit Andersgläubigen fast nur geschäftlich verkehren. Die