Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Wahn [Rezension]
- Date
- 1907-11-01
- Page
- 660 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316764-2339039--17066-2339137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
660 Im deutschen Reich. der antisemitischen Hetzerei eine Störung der öffentlichen Ordnung zu befürchten, während die Berliner Polizei ohne solche Besorgnis in der Reichshauptstadt die weit schlimmere Störungen ermöglichenden Pückler-Versammlungen ruhig zuließ. Wenn man aber bei dem Tadel des Verbotes aus die freigegebene Aufführung der „Weber" verwiesen hat, die nirgends zu lärmenden Kundgebungen Anlaß gab, scheint dieser Hinweis doch nicht ganz zutreffend. Bei Schereks „Wahn" vermißt man nämlich die vollendete'Bühnentechnik der „Weber"; es steckt wohl ein tieftragisches Stück Völkerpsychologie darin, auch ein mitunter mit wuchtiger Kraft zum Ausdruck gelangendes leidenschaftliches Empfinden, aber die Hauptfiguren des Stückes sind, wenn man den Rechtsanwalt Roth ausnimmt, der doch nicht den Mittelpunkt des Dramas bilden soll, nicht so gezeichnet, daß sie tiefere Sympathie erwecken. Auch sind überall, wo sich Pathos der Reden findet, diese viel zu ausgedehnt und zu wenig sentenziös, um aus der Bühne zu wirken. Was dem Buchdrama zum Erfolge verhelfen wird, z. B. die vom Autor am treffendsten charakterisierte Rolle des Redakteurs der „Bürger-Zeitung", würde vielleicht auf der Bühne den sicher nicht von dem Autor gewollten Eindruck gemacht haben, diesen Hetzer in den Vordergrund der Handlung treten zu lassen. Das dramatisch wirkende Vorspiel schädigt außerdem die Bühnenwirkung des Stückes, weil die Handlung der Spannung entbehrt, die erzeugt würde, wenn der Autor den Urheber des Totschlages nur ahnen und erst am Schluffe des Stückes entdecken ließe. Der Verfasser läßt ihn dagegen in dem Hauptstück als Obmann der Geschworenen wieder austreten, wobei es dem Zuschauer unverständlich bleibt, warum Weidlich nicht einen ihm nur eine milde Strafe zuziehenden, weil im Affekt verübten, Totschlag offen eingesteht, statt Las Leben unschuldiger Leute einem zweifelhaften Wahrspruch Preiszugeben. Dieselbe Frage ist wohl oft genug bei Besprechung der „Winter-Tragödie in Könitz" aufgeworfen worden, die unverkennbar Herrn Schere! bei der Abfassung seines Tendenzstückes beständig vorgeschwebt hat. In Könitz dürften aber bei der rätselhaften Schweigsamkeit des Urhebers jener traurigen Tat weit tragischere Motive mitgewirkt haben als der zweifelhafte Ruf der „Frau Weidlich mit der verführerischen Bluse". Gerade deshalb konnte man von einer Aufführung des