Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Wien
- Date
- 1907-11-01
- Page
- 656 (sequence 2)
- Language
- German
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'■ 656 Im deutschen Reich. als ob man, da man nicht alle Ansteckungsgelegenheiten beseitigen könne, auch alle fortbestehen lassen müsse. Sind die Hausierer denn nicht auch Menschen, die leben wollen trotz der Blatternfurcht? Haben sie keinen Anspruch darauf, in die christlich-sozialen Klagen über das Stocken der Geschäfte in den infizierten Bezirken eingeschlossen zu werden? Sie hätten ihn, wenn sie nicht eben Hausierer wären. Denn christlich-sozial, das heißt Zünftler und — Antisemit. Als Gewerberetter find die Christlich-sozialen eingefleischte Hausiererfeinde." -b Budapest, 2. Oktober. In Szolnok war seit dem 13. September das 3V- Jahr alte Söhnchen des Schneidermeisters Geza Nyitray verschwunden. Eine Woche später erhielten die Polizei und gleichzeitig der Vater des verschwundenen Kindes ein Schreiben, in dem ihnen mitgeteilt wurde, die Leiche des einem rituellen Mord zum Opfer gefallenen Knaben sei an einem auf der Theiß schwimmenden Floß angebunden. An demselben Tage meldete der Eisenbahnarbeiter Wilhelm Mollnar der Polizei, er habe während des Fischens den Leichnam eines Knaben gefunden und an ein Floß gebunden. Bei der Sektion der Leiche wurde festgestellt, daß an dem Knaben ein bestialisches Attentat verübt worden ist; man vermutete, Mollmar sei der Täter und habe das Märchen vom rituellen Mord ersonnen, um den Verdacht von sich abzulenken; Mollnar dürfte auch die beiden Briefe geschrieben haben. Man stellte Schriftproben mit ihm an, und diese wurden zur Vergleichung mit dem Briefe nach Budapest geschickt, um von Sachverständigen untersucht zu werden. Bis zur Beendigung dieser Untersuchung bleibt Mollnar unter polizeilicher Aufsicht. — Esfegg, 10. Oktober. In Slatina ist am 7. d. Mts. der jüdische Kantor Franz Friedmann von Ziegelarbeitern überfallen und mit Knütteln und Steinen tätlich mißhandelt worden. Die Erforschung der Täter ist eingeleitet. □ Petersburg, 10. Oktober. Am vorigen Sonntag begann auf der belebten Preobrashenskaja-Straße in Odessa ein gegen die Juden gerichteter Tumult. Läden, Konditoreien, Werkstätten, Buchhandlungen wurden zerstört, viele Passanten verwundet. Mit lautem Hurra wurden die Pferdebahnen begrüßt, alle Juden zum Aussteigen gezwungen und durchgeprügelt. Im jüdischen Gymnasium sind alle Fenster eingeschlagen worden. Sobald Mangel an Juden eintrat, wurden auch Christen ge-