Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Die entführte Generalstochter
- Date
- 1907-06-01
- Page
- 382 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316760--16550-2338505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
382 Zm deutschen Reich. Vermischtes. Die entführte Generalstochter. Mehrere in Sofia erscheinenden Blätter haben in der griechischen Passionswoche das Blutmärchen dadurch aufzuwärmen versucht, daß sie das Verschwinden eines zehnjährigen Mädchens auf eine angebliche Entführung durch Juden zurückführten. Das für wenige Stunden verschwunden gebliebene Töchterchen eines bulgarischen Generals soll nach feiner Rückkehr ins Elternhaus folgende Räubergeschichte erzählt haben: Als sie beim Versteckenspielen verbundene Augen hmte, Hütten zwei jüdische Trödler sie durch entlegene Gassen geschleppt. Vor einem verfallenen Hause seien aber die Trödler von zwei uniformierten Männern angehalten worden und dann fortgelaufen. Die „uniformierten Männer" — ob es Schutzleute oder Soldaten waren, kann das zehnjährige Mädchen, obwohl es ein Generalstöchterchen ist, nicht angeben — übergaben hierauf das „entführte" Kind einem Passanten, der es wieder einige Straßen vor dem Elternhause verließ. Im Elternhause eingetroffen, erzählte das Kind diese sinnlose Geschichte, welcher der Vater Glauben schenkte. Er brachte das Märchen in die Zeitungen und alarmierte die Polizei, die zwar bis heute die mysteriösen Unifomierten und den mysteriöseren Passanten nicht ermitteln konnte, aber unter zwanzig zur Stelle gebrachten jüdischen Trödlern zwei verhaftete, weil das phantasievolle Generalstöchterchen beim Polizeikommissariat unter diesen einen als den Entführer bezeichnete. Das Gericht schien anfangs dem Generalstöchterchen keinen sonderlichen Glauben beigemessen zu haben, da die Untersuchungsbehörden He btt Entführung des Töchterchens eines Generals verdächtigten zwei jüdischen Trödler Zunächst ohne jede Bürgschaft aus der Haft entließen. Am Tage darauf wurden sie aber wieder eingesperrt — wie man sagt, direkt aus Anordnung des bulgarischen Justizministers. Theaterzensur. Aus „Gründen der öffentlichen Ordnung" hat der Brellauer Polizeipräsident die von dem Direktor Erich Ziegel beachsichtigte Aufführung des Dramas „Wahn" von Jakob Schere! verboten. Das Drama behandelt in würdiger, durchaus ernster Weise die Frage des Ritualmordes und zeigt, anklingend an wirkliche