Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-04-01
- Page
- 242 (sequence 2)
- Language
- German
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242 Iw deutschen Reich. als eine solche betrachtet werden. Ursprünglich Ackerbauer, seien sie infolge der geographischen Lage Palästinas auf Schifffahrt und Handel hingewiesen worden und hätten bald für das Verkehrsleben eine große Bedeutung erlangt. Diese Bedeutung habe sich nach der Völkerwanderung durch ihre Beziehungen zu dem Orient, ihre Sprachkenntnisse, Schreibfertigkeit und ihre Vertrautheit mit der Technik des Geldhandels noch derart vergrößert, daß sie den Fürsten und den Völkern lange unentbehrlich schienen, und ihnen einzelne Vorrechte erteilt wurden, die Neid erregten. Als später andere Bevölkerungsschichten sich dem Handel mit Eifer und Geschick zuwandten und der Unentbehrlichkeit der Juden ein Ende bereiteten, traten der Religionshaß und der Rassenhaß offen hervor. Diese Empfindungen hatte man den wichtigen Verkehrsmittlern gegenüber vorher mit Rücksicht auf deren althiftorische, kapitalistische Funktion zumeist zurückgedrängt; jetzt aber begann jene furchtbare Leidenszeit für die Juden, die Jahrhunderte hindurch bis in die neue Zeit fortdauerte. Daß sie heute noch nicht überwunden ist, führte der Vortragende darauf zurück, daß nach der Erklärung der Menschenrechte in Frankreich die Macht der humanen Ideen zwar unaufhaltsam zur Anerkennung der Gleichberechtigung der deutschen Juden drängte, der politische Liberalismus aber nicht gleichzeitig den wirtschaftlichen und sozialen Liberalismus gezeitigt habe. Das dürfe man kaum den Einzelnen zur Last legen, sondern habe in den gegebenen Verhältnissen gelegen. Das Hereinbrechen des Zeitalters des Verkehrs durch Dampfkraft und Elektrizität, sowie die rastlosen Fortschritte der Technik auf den verschiedensten Gebieten, seien den größten Volksschichten, den Landleuten und den bürgerlichen Handwerkern, viel zu plötzlich gekommen, als daß sie bei ihnen dasselbe rasche Verständnis hätten finden können wie bei den Gelehrten und Kaufleuten. So beschränkt meistens die eigenen Verhältnisse der Handwerker und Bauern waren, fühlten sie sich doch durch die unerwarte Wandlung der Dinge aus einer behaglichen Ruhe herausgerissen, und ihr Groll wandte sich den sozialen Schichten zu, die durch ihre traditionelle Vertrautheit mit allen Verkehrsmitteln sich rasch mit den neuen Verhältnissen befreunden und aus den neuen Errungenschaften der Technik Nutzen ziehen konnten. Eine solche Schicht waren die Juden, auf deren Häupter dadurch alle Schuld gewälzt wurde, weil die antisemitischen Führer die soziale Un-