Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-04-01
- Page
- 230 (sequence 2)
- Language
- German
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230 Im deutschen Reich. richtige Empfindung, daß es eine Schmach für das ganze deutsche Volk ist, wenn die Mehrheit der Bevölkerung ihre Macht dazu Mißbraucht, einem kleinen Teile der Bevölkerung gegenüber Gebote der Gerechtigkeit zu verkennen und das einzuschränken oder gar zu widerrufen, was in einer freiheitlich gesinnten Zeit der Minderheit gewährt worden ist, um ein mehr als tausendjähriges Unrecht gut zu machen. Daß der Central-Verein außer der Abwehr antisemitischer Angriffe auch noch andere Aufgaben zu lösen hatte und teilweise im Laufe von 13 Jahren gelöst hat, für die nur eine ausschließliche Vereinigung deutscher Juden hinreichend gerüstet sein konnte, z. B. die Verteidigung unserer religiösen Einrichtungen, die Neubelebung des Solidaritätsgefühls, die Kräftigung der Selbstachtung und der charaktervollen Festigkeit gegenüber unverdienten Zurückjetzungen und die Verachtung der auf den Abfall gesetzten Prämien, unterliegt keinem Zweifel. Den Judenfeinden gegenüber mußten uns aber Bundesgenossen willkommen sein, die als Verteidiger der Menschenrechte mit uns das verknüpft, was in dem Herzen jedes echten deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens wohnt, der Sinn für Gerechtigkeit, der Abscheu gegen Treubruch und gegen unbegründeten Vorurteile. Darum galt es, getrennt zu marschieren, vereint zu schlagen! Bei den Reichstagswahlen haben wir nicht vereint gesiegt, sondern sind geschlagen worden, was für zwei Vereinigungen, von denen ieine eine bestimmte politische Richtung hat oder haben kann, keine schimpfliche Niederlage bedeutet, angesichts der Tatsache, daß sie an keiner der politischen Fraktionen, bei denen taktische Gründe jede andere Rücksicht verdrängten, einen Rückhalt fanden. Weil für die Realpolitiker nur die Opportunität den Ausschlag gab, mußten die idealen Bestrebungen zunächst darunter leiden. Aber die Realpolitik erringt jederzeit nur Augenblickserfolge, der Idealismus dagegen führt durch Lausend Widerwärtigkeiten schließlich immer zum Siege, denn die großen Ideen der Menschlichkeit sind unvergänglich. So gewiß die Sonne immer wiederkehrt in ihrer Klarheit, so unausbleiblich kommt der Tag der Wahrheit! Der Jubel der Antisemiten über ihre von ihnen weit übertriebenen Erfolge bei den Reichstagswahlen entmutigt uns deshalb so wenig, als ein anderer Ausgang uns zu der Annahme verleitet