Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1906)
- Article
- Blutmärchen
- Date
- 1906-10-01
- Page
- 617 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Verwischtes. 617 keinerlei sonstige Verletzungen konstatierte. Dem Arzte sagte das Mädchen: „Seit der alte Jude da ist, habe ich keine Ruhe"'. Dr. Fikeis bezeichnete die „Punkte" als Insektenstiche und fand die Kosina infolge hochgradiger Hysterie so blutarm, daß sie kaum selbst Nahrung Zu sich nehmen konnte. Er veranlagte infolge der mittlerweile in Umlauf gelangten Gerüchte die Entsendung zweier Gerichtsärzte unter Begleitung des Bezirksgerichtsadjunkten Zimmermann aus Horenmauth, welche den ersten Befund bestätigten, aber die Uebersührung des Mädchens in das BeZirkskrankenhaus für notwendig erklärten, weil Marie Kosina in ihrer bis zur Unzurechnungsfähigkeit grenzenden Hysterie nicht mehr in häuslicher Pflege belassen werden könne. Auch die Gerichtskommission erklärte, daß keinerlei Verletzung vorhanden sei, welche auf eine Blutentnahme schließen lassen. Der Vater der Marie Kosina ist dem Trünke ergeben, und bei der jüngeren Schwester Anna haben sich schon vor drei Jahren Symptome von Verfolgungswahnsinn gezeigt. In Vollmacht Jakob Lederers hat der Hohenmauther Advokat Dr. Leopold Sommer gegen Marie Kosina die Strafanzeige wegen Verbreitung falscher beunruhigender Gerüchte an die K. K. Staatsanwaltschaft in Chrudim erstattet und die Privat-Ehrenbeleidigungsklage beim Bezirksgerichte Hohenmauth angestrengt. Die Behauptung antisemitischer Blätter, daß Marie Kosina mit Chloroform betäubt und ihr Schnittwunden beigebracht worden seien, ist vollständig erfunden. Es ist charakteristisch für die Geistesbefchaffenheit der Kosina, daß sie über Ort, Zeit und Art der „Abzapfung" nichts zu sagen wußte." — Auch für diese Dinge trifft zu, was wir bereits an anderer Stelle bemerkt haben, daß die Antisemiten^ ätter zwar mit Behagen solche aufhetzende Faseleien in die Welt setzen, aber keine Notiz davon nehmen, wenn nachträglich der Sachverhalt richtig gestellt wird, wie in dem vorliegenden Falle. Den Vereinsmitgliedern geht diese Zeitschrift ««entgeltlich Avounelnerurprelr für Hicftttereinstnitgiieder: pro Zaftr r MK _Preis der voppelnummerr bo Pfennig. Rcdaktions - Bureau des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: Berlin SW. 68, Lindenstr. 13, II. Fernsprecher Amt IV, Nr. 7079. Verantwortlich für Redaktion und Verlag: Alphonse Levy, Berlin.