Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- L. D., Berlin
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 485 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefkasten der Redaktion. 485 L. D., Berlin. Wir empfehlen Ihnen, nach Neuenahr zu gehen, wo Sie denselben Kurerfolg erzielen können, wie in Karlsbad, und vor antisemitischen Anrempelungen geschützter sind. Am 1. Juli d. JZ. berichtet das „Karlsbader Tageblatt": „Eine widerliche Szene spielte sich Freitag Vormittag beim Eingang in den Kaiser Franz Josef-Park vis-a-vis dem Hotel Trautwein ab. Ein a:rn-r Jude hatte in der höflichsten Weife den hier sattsam bekannten Omnibuskondukteur G. F. um eine Auskunft gebeten und war auf seine Frage mit der Antwort „frecher tamischer Jud" traktiert worden. Dies hatte einen vorbeigehenden Herrn in große Aufregung versetzt, und in seinem gerechten Zorn hatte er den F. zur Rede gestellt, wurde aber ebenfalls mit Unhöslichkeiten überschüttet, so daß es zu einer „Szene" kam. Der Herr, der sich der Sache annahm und sich ungewöhnlich aufregte, ist zufälligerweise der Rabbiner einer großen reichsdeutschen Gemeinde, aus dessen Amtskreise wir viele Hundert unserer besten israelitischen Badegäste erhalten. Jedenfalls sind solche Vorkommnisse in einem Weltkurorte höchst bedauerlich, bilden aber doch nur seltene Ausnahmen und werden von dem weitaus größten Teile der Bevölkerung als Auswüchse der Unbildung verworfen". — Wenn der weitaus größte Teil der Karlsbader Bevölkerung wirklich solche Vorkommnisse verabscheut, dann mag er seinen Einfluß bei den Behörden geltend machen, daß diese energischer als bisher gegen Leute einschreiten, die Badegäste belästigen. Die Zahl der antisemitischen Rowdies würde rasch zusammenschmelzen, wenn diese nicht wüßten, daß von den Grundstücksbesitzern, die im Sommer die „Schönerer"-Spmpathien in die Tasche stecken, sich manche als „Winterantisemiten" offenbaren, sowie das Schäfchen ins Trockene gebracht ist. T. A., Stettin. Das im Verlage der Deutschen „Hochwacht", Stettin, erschienene kleine Schriftchen „Tante Eulalia" ist uns nicht unbekannt. Dieser sich hinter Haubenbändern und Kaffeeklatsch verbergende Antisemitismusistuns nicht unwillkommen. Er liefert dabei den christlichen Geistlichen die deutlichsten Beweise, daß er ihre treuesten Anhängerinnen zu entchristlichen bemüht ist, denn dahin führt es doch schließlich, wenn der Verfasser sagt: „Auch das Alte Testament — was du, liebe Tante, auf deiner Kommode liegen hast — darf nicht geduldet werden." Welchen Eindruck können da noch alttestamentliche Psalmenworte oder die wunderbaren Texte aus Jesaias auf die andächtige Eulalia wachen?