Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 454 (sequence 1)
- Language
- German
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454 Im deutschen Reich. Umschau. gibt nie veraltende Wahrheiten, die noch nach Jahren durch die sich mit logischer Notwendigkeit entwickelnden Zeitverhältnisse neue Bedeutung gewinnen und den Eindruck vollständiger Aktualität machen. Durchblättert man eine kleine Schrift, die der unter dem Schriftstellernamen Gerhard von Ampn - tor bekannte preußische Major Dagobert von Gerhard in Potsdam vor einem Vierteljahrhundert unter dem Titel „Eine moderne Abendgesellschaft^ veröffentlicht hat, so findet man Aussprücheder angedeuteten Art, die der Vergessenheit entrissen zu werden verdienen. Sie erscheinen jetzt besonders wertvoll, wenn gran sich das Milieu vergegenwärtigt, in dem diese Gedanken reiften, und um so schätzenswerter, als es sich dabei um Wahrheiten handelt, die durch die erwähnte Schrift Kreisen nahegelegt wurden, die sich solchen Wahrheiten — heute noch mehr, als vor 25 Jahren — verschließen. Gerhard von Ampntor, der im Juli d. I. in sein 76. Lebensjahr eintrat, schrieb damals: „Die Fudenfrage", hinausgetragen in die rohen, gedankenlosen Massen, appelliert bewußt oder unbewußt an deren niedrigste Instinkte und verhängnisvollste Leidenschaften; sie wird hier oder da, über kurz oder lang, immer zur Judenhetze. Ich gebe gern zu, daß manchem diese geschichtlich leicht zu erhärtende Notwendigkeit nicht einleuchten, daß mancher in der Tat glauben mag, eine solche Frage ließe sich rein akademisch aufwerfen und in aller Objektivität und Seelenruhe öffentlich verhandeln und lösen. Dem ist nicht so. Der großen Menge läßt sich keine Doktorfrage vorlegen; gar zu schnell wird die Bestie im Menschen wach; die Gerechtigkeit wird vom Stuhl gestoßen, und an ihre Stelle setzt sich die blutdürstige Niedertracht. Wir haben eine Gesetzgebung; wenn der Jude gegen dieselbe frevelt, so verfällt er dem Strafrichter, wie jeder andere Staatsbürger. Dies reicht vollkommen gegen jede von den Agitatoren behauptete Vergewaltigung guter christlicher Sitte durch verdammenswerte jüdische Praktiken und Manoeuvres aus; von einer Bedrohung unserer Nationalität, unserer Religion durch das emporkommende und sich ausbreitende