Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 312 (sequence 2)
- Language
- German
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312 Im deutschen Reich. ohne Entwicklung eines Programms nicht abgeht, gewöhnlich Anlaß. Je mehr sich dabei der Parteiführer durch den rhetorischen Schwung zu einer undiplomatischen Offenheit Hinreißen läßt, desto leichter läßt sich übersehen, was er und die Seinen im Schilde führen. Teilweise war dies neuerdings bei den Judengegnern in Deutschland daraus zu erkennen, daß die antisemitische Reformpartei ihre Hauptversammlung am 29. April zu einem ostdeutschen Parteitage ausgestaltet und damit ihre Absicht dargelegt hatte, sich noch mehr als bisher aus ihren starken Anhang in Ostdeutschland zu stützen und dorthin den Schwerpunkt ihrer Agitation zu verlegen. Der Abg. Vruhn, der die Versammlung leitete, bemühte sich zwar, die Lage der Reformpartei, mit der die Deutsch-Sozialen in einen scharfen Wettbewerb getreten sind, möglichst günstig zu schildern, aber seine Absicht, sich selbst künftig ausschließlich der Leitung des ostdeutschen Verbandes zu widmen, bewies hinreichend, daß er in anderen Landesteilen wenig wehr zu erraffen hofft. Noch deutlicher ging diese pessimistische Anschauung aus der Rede hervor, in der der Parteivorsitzende, Abg. Oswald Zimmermann, die gegenwärtige Lage der Reformpartei sehr eingehend behandelte. Er beklagte es tief, daß die Deutsch- Sozialen in dem Stammlande des Antisemitismus, in Hessen, in Kreise eingefallen seien, die er als zum Besitzstände der Reformpartei gehörig betrachte. Nicht minder beklagte er sich aber auch über die Konkurrenz der „Mittelstands-Vereinigung", die auch in Sachsen den Mund voll nehme, deren Mitglieder aber bei den Wahlen meistens versagen. Schließlich betonte er die Notwendigkeit einer energischen Opposition; die Reformpartei müsse als starke Volkspartei aus dem Platze sein, dem „Byzantinismus nach oben" gegenüber. Sie müsse das Volk darauf Hinweisen, wie der Großkapitalismus sich mehr und mehr entwickle und durch seine Vertreter in der glücklichen Lage sei, teure Segeljachten und Automobile zu kaufen, mit denen „man sich an manchen Stellen sehr beliebt wachen könne". Im Laufe der weiteren Verhandlungen wurde wesentlich die Absicht betont, die antisemitische Agitation im Osten Deutschlands auszudehnen. Der Abg. Bruhn gab dabei der Hoffnung Ausdruck, die Wahlkreise Arnswalde-