Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Posen
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Im deutschen Reich. und den Inhalt des geistigen Strebens aus. Manchem unserer Glaubensgenossen ist die Zuversicht im deutschen Vaterlande zum gleichen Rechte zu gelangen, geschwunden. Für den Central- Verein und seine Mitglieder kann es ein Weichen und ein Wanken im Bekenntnis zum deutschen Vaterlande nicht geben. Wenn wir noch so oft Zurückgestoßen werden, wenn uns bitteres Unrecht Zugefügt wird: Wir werden die Zuversicht trotz allem nicht sinken lassen, wir bleiben treu dem alten Panier, daß wir gar nicht anders denken, nicht anders fühlen und handeln können als deutsch. Unsre Erziehung, unser Empfinden, unsre Bildung ist eine deutsche, und sind wir Juden, so sind wir und bleiben deutsche Juden. Wenn uns unser Vaterland verlassen sollte, wir werden das Vaterland nicht verlassen. Gesellschaftliche Zurückweisung können wir dadurch erwidern, daß wir die Gesellschaft meiden. Aber unser Vaterland lassen wir uns nicht nehmen, so wenig wie unsre Meinungen und unsre Ueberzeugung. Freilich, es ist ein steiniger und mühevoller Weg, den wir schreiten. Die ganze Entsagungskraft, die wir in Jahrtausenden üben mußten, ist notwendig. In so schweren Stunden wenden wir den Blick Zurück auf nicht allzu weit hinter uns liegende Tage, in denen wir noch übler behandelt, noch mehr Zurückgesetzt wurden. Und doch wurde es ganz allmählich besser, bis endlich wenigstens das formale Recht uns als gleichberechtigt, als Vollbürger ansah. Wie aber bescheidenes Licht unsre Dunkelheit erhellte, wie Schritt für Schritt Terrain erobert wurde, das lehrt uns am besten der Lebenslauf des Mannes, der unbeirrt eintrat für Judentum und für Deutschtum. Das sagt uns am klarsten Gabriel Rießer. Ihn kennt und versteht federnder sich sein Wort zu eigen gemacht har: „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, die Sprache, die ich rede, die Luft, die ich atme; darum muß ich mich gegen ihn wehren, wie gegen einen Mörder/' Und dann entwarf Redner eine herrliche Schilderung von dem Lebensgange jenes bedeutenden Mannes; die Hörer lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit und erst am Schluß der glänzenden Rede löste sich die Spannung in nicht endenwollenderen stürmischen Applaus. Die äußerst stimmungsvolle Feier fand mit einem auf dem Harmonium vorgetragenen Postludium von Rink einen würdigen Schluß.