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Im deutschen Reich · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. 59

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Entschwindende Gestalten [Rezension]
Date
1906-01-01
Page
59 (sequence 2)
Language
German
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Büch erschau. 59 Menschen kennen Zu lernen, trieb ihn hinaus in ferne Lande, sogar über den Ozean, überall neben seiner ärztlichen Tätigkeit studierend, beobachtend. Des Wanderns müde, vertauschte er die Sonde mit der Feder, um den Schatz seiner reichen Erinnerungen Zu wertvollen Münzen Zu prägen. Er veröffentlichte die Erzählungen „Ein ungelöstes Rätsel", „Späte Ehrung" und „Die Dorfseele". 1905 erschienen die „Entschwindenden Gestalten". Arthur Kahn ist ein echter Künstler. In seinem reichen Gemüt wurzelt die Pietät für die jüdische Vergangenheit und für das altjüdische Leben, wie er es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Schoße seiner alten rheinischen Heimatsgemeinde (Bingen) geschaut hat. Alle Gestalten, die er dem Leser vorfuhrt, har er persönlich gekannt, und aus ihrem Zusammenwirken Zwei Erzählungen geformt, die neben ihrem ästhetischen Wert zugleich wichtige Beiträge Zur Kulturgeschichte der deutschen Juden bedeuten. Die erste dieser Erzählungen führt den Titel „Jachet die Büßerin". Jachet ist das schönste und stolzeste Mädchen der Gemeinde, die Tochter des reichen, streng orthodoxen „Parneß". Sie hat in der benachbarten Garnisonstadt einen Offizier kennen und lieben gelernt; sie kann ihm aber nicht angehören, da der strenge Vater die Verehelichung mit einem Christen nicht zugeben würde. Sie begeht den üblichen Fehltritt und wird nunmehr vom Vater verstoßen. Ihr ganzes Leben lang muß Jachet für die Unbedachtsamkeit eines unseligen Augenblicks büßen. Verachtet und verspottet, fristet sie in einem verfallenden Hause hinter dem Tempel ein elendes Dasein. Nur eine alte „Schabbesgoje", die Fränz, eine Katze und eine Elster bleiben ihr treu, bis endlich — kurz vor ihrem Tode — eine jugendliche Kantorfrau sich der Verlassenen annimmt und mit ihrem sonnigen Wesen und Wirken Jachets letzte Tage vergoldet. Die zweite Erzählung, „Sein Chuppelied", behandelt in ganz neuer, den Leser aufs tiefste erschütternder Weise den Kampf zwischen Pflicht und Neigung, den ein armer, junger jüdischer Musiker Zu bestehen hat, als ihm am Hofe des Herzogs Adolf von Nassau die höchsten Auszeichnungen und Zugleich die Liebe eines schönen Edelfräuleins winken. Freilich, der Preis für dies Glück ist hoch: es ist seine Ueberzeugung, seine jüdische Religion, die er hingeben soll. Schon droht er diesem schweren Kampfe Zu erliegen — sein Uebertritt steht bevor — da flüchtet er bei Nacht und Nebel in die Heimat zurück, in den Schoß des altjüdischen

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