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Im deutschen Reich · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. 633

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1905-12-01
Page
633 (sequence 2)
Language
German
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Umschau. 632 elend, zitternd steht der unglückliche Greis gebrochen vor der furchtbaren Macht des Schicksals, das er rrcht zu ergründen vermag. Das ist nicht ein vereinzeltes Bild, wie es in einem fernen halbasiatifchen Ort das Herz des Menschenfreundes erschütteN. Man begegnet ihm an Hunderten von Plätzen, auch in Großstädten des Zarenreiches. Un 20 000 Tote werden gezählt, an 100 000 Verwundete; die doppelte, vielleicht die dreifache Zahl, oder mehr, ist brotlos, hilflos, ratlos, jeden Augenblick der Gefahr ausgeseht, aufs neue von einem rohen, plünderungssüchtigen, blutdürstigen Pöbel überfallen und gemordet zu werden. Alle Schrecken des Mittelalters leben wieder auf; die Bestie im Menschen ist enlsess lt, unsie stürzt sich wütend auf die wehrlosen Juden. Was Huben sie verbrochen?^ Die russischen Blätter geben auf diese Frage keine Antwort; am 8. November veröffentlichten die Redaktionen von vier in Odessa erscheinenden Zeitungen „Odesky Listok", „Odesky Nowesti", „Juschnoie Obsrenie" und „KomertfchiLkava Roffia" nachstehende ehrenhafte Erklärung: „Da wir nicht die Möglichkeit haben, die Scheußlichkeiten, die in Odessa in den Schreckenstagen verübt worden find, ohne Nennung der wirklichen Urheber genügend zu beleuchten, haben wir beschlossen, bei der jetzigen Lage uns vollständig deren Besprechung zu enthalten. Wir fügen aber hinzu 1. daß nur die dringenden Bitten der Bevölkerung uns veranlassen, mit der Herausgabe unserer Zeitungen wieder zu beginnen und 2. behalten wir uns das Recht vor, bei der ersten Möglichkeit die in den letzten Tagen verübten Scheußlichkeiten in das richtige Licht zu bringen." Mit Ausnahme der dem rumänischen Hetzer Kruschewan nahestehenden ganz vereinzelten Organe, hat kein russisches Blatt sich entöle oet, für die Ausbrüche des rohesten Fanatismus, für die dabei vorgekommenen befiialischen Rohheiten, Entschuldigungsgründe vorzubringen, oder gar die mißhandelten Unglücklichen für ihr Elend mit der erfundenen Behauptung verantwortlich zu machen, daß es ein selbstverschuldetes sei. Zu diesem „traurigen Schergendienst" hat sich aber leider die antisemitische deutsche Presse erniedrigt. Mit Glutbuchstaben muß cs an die Wand geschrieben werden, daß nachdem in Rußland zahllose Kinder, Frauen und Greise unter entsetzlichen Martern von der schwarzen Horde der „Hooligans", den Soldknechten einer um die Forlsetzung des Erpressungsgeschäfts besorgten Beamtenclique, ermordet worden, viele deutsche Zeitungen diese offenbar keiner Empörungsversuche fähigen Opfer für die polnischen Zuckungen des Zarenreichs verantwortlich zu machen

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