Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Bruno Weil, Juden in der deutschen Burschenschaft [Rezension]
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 500 (sequence 2)
- Language
- German
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500 Im deutschen Reich. gebildeten Persönlichkeiten in der großen Zeit des politischen Aufschwungs der Gründung des Reichs gespielt haben. Spätere Geschichtsschreiber unserer gegenwärtigen Epoche werden nicht umhin können, den geistigen Strömungen, die in den letzten Jahrzehnten im deutschen studentischen Leben einen wichtigen Einfluß erlangt haben, große Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie einen bedeutenden Faktor darstellen für . die Gestaltung der politischen Verhällnifle der nächsten Zukunft. Aber auch die Zeitgenossen sollten den Vorgängen im akademischen Leben um ihrer hohen Wichtigkeit willen eine größere Aufmerksamkeit schenken, als es gegenwärtig allgemein der Fall ist. Als ein hoch willkommener Beitrag in diesem Sinne ist die Weilsche Broschüre zu begrüßen. Die Schrift beruht auf einer sorgfältigen und geschickten kritischen Durcharbeitung des historischen Materials. Sie gibt eine übersichtliche Darstellung der verschiedenen Wandlungen, welche die Burschenschaft in ihrer Stellungnahme zur Judensrage .durchgewacht hat, und die mit den Veränderungen in ihrer ganzen politischen Richtung parallel gegangen sind. Das Urteil des Verfassers ist im allgemeinen besonnen und treffend. Nur in einem Punkte ist ihm bei der Darstellung der treibenden Ursachen, die das Ueberwuchern des Antisemitismus in der Studentenschaft bewirkt haben, eine Täuschung mit untergelausen: ec überschätzt entschieden den Einfluß, den die Vereine Deutscher Studenten aus andere akademische Kreise ausgeübt haben. Diese erfreuten sich vielmehr von jeher in der studentischen Welt einer vi?l zu geringen Achtung, als daß sie einen so hohen Einfluß hätten ausüben können, wie der Verfasser meint. Zusammenfaffend darf jedoch gesagt werden, daß der Verfaffer sich bei. der Darstellung der hochinteressanten historischen Vorgänge zu einer Objektivität durchgerungen hat, welche den Wert seiner Darlegungen bedeutend erhöht und das Buch für Freunde und Feinde gleich lesenswert macht. Die Schrift dürfte im gegenwärtigen Moment besonderem Interesse begegnen, da ja jetzt gerade im studentischen Leben ein scharfer Kampf gegen den Konfesfionalismus entbrannt ist, in dem dieselben Burschenschaften eine führende Rolle spielen, deren völligen Uebergang ins antisemitische L-^ger Weil treffend schildert. Wenn allerdings der Verfaffer in seinem Vorwort die Erwartung ausfpricht, daß aerade bei Gelegenheit des Kampfs gegen die konfessionelle Studentenverbindung das Ausrollen der Frage nach dem Konfessionalismus aller Korporationen zu einer ehrlichen Selbstbesinnung wenigstens eines Teils von ihnen führen wird, so wird dieser Optimismus nicht von vielen geteilt werden.