Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Judenmetzelei und russische Polizei
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 496 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316736-2335530--14242-2335609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
496 Im deutschen Reich. Leben, Ehre und Vermögen der Einwohner waren während zweier Tage auf Gnade und Ungnade dem Pöbel ausgeliefert. Die Hooligans^ unterstützt durch die „Nachlässigkeit" der Polizei und des Militärs, teilten sich in mehrere Parteien, unb, ohne von den Behörden behindert zu werden, vernichteten und demolierten sie die Magazine, Läden, Privathäufer, bedrohten mit dem Tode diejenigen, die irgendwie sich der Gendarmerie gegenüber verdächtig machten, und prügelten bis zur Bewußtlosigkeit alle, die sich mit einem Wort um Hilfe an sie wandten. Die Panik hatte alle Einwohner erfaßt, die Weiber und Kinder weinten und fielen in Ohnmacht, man hörte herzzerreißendes Wehgeschrei der Verzweiflung; das Pfeifen und das Geheul der wildgewordenen Menge brachten der Bevölkerung Todesangst und Schrecken. Die Bestien vernichteten das gesamte Hausgerät und die Krambuden vieler Juden, verprügelten sie furchtbar, steckten Häuser in Brand und warfen das zweijährige Kind eines Krämers ins Feuer. Das ist nur ein Beispiel aus mehreren. An der Peripherie der Stadt, in den Vororten und in Enikale (einem größeren Vorort bei Kertsch) hauste die Menge besonders grausam. Etwa sechzig junge Juden, bewaffnet mit Revolvern, gingen tapfer zur Verteidigung ihrer Brüder vor; aber früher noch, als sie etwas tun konnten, wurde auf sie auf Befehl des Stadthauptmannes eine Salve abgegeben, und sie wurden genötigt auseinanderzulaufen. Aus dem Kampfplatze blieben an dieser Stelle zwei Tote und elf schwer Verwundete. Unter den Getöteten befindet sich ein christlicher Gymnasiast, namens Kiritschenko, und unter den Verwundeten ein christlicher intelligenter Arbeiter Vostzechowskij. Die Salve wurde ohne jegliches Warnungssignal abgefeuert. Das Resultat: etwa hundert Familien, die noch gestern ziemlich gut gelebt haben, sin) je^'-genötigt, um Hilfe zu betteln. Der Metzelei ging eine patriotische Manifestation vorauf, die von der Polizei und den Hooligans veranstaltet war. Die Manifestation galt als Gegendemonstration gegen die Arbeiter, die am 9. August eine regierungsfeindliche Kundgebung veranstaltet hatten» Die Arbeiterkundgebung war freilich nur der Vorwand zur Metzelei, da es festgestellt ist, daß ein Gendarmeriegeneral a. D. Flugblätter verbreitete, die das Thema „Haut die Juden!" variierten; er agitierte unter dem „Schwarzen Hundert" schon etwa feit sechs Monaten. Die Polizei förderte seine „patriotischen" Bemühungen, und so wurde mit gemeinsamen Kräften die Metzelei inszeniert."