Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Frankfurt a. M.
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 490 (sequence 2)
- Language
- German
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490 Im deutschen Reich. erst dann herangezogen, wenn alle anderen Lehrerinnen der beiden anderen Konfessionen beschäftigt, also keine anderen mehr verfügbar sind. Dann werden die zu der Vertretung eventl. gehörenden Religionsstunden von Mitgliedern des Kollegiums gegeben. Jedenfalls ist auch hier die Bemerkung zu machen, daß bei solchen Vertretungen die in letzter Minute frei werdende Christin der anderen Konfession der schon lange wartenden Jüdin vorgezogen wird." — Ich kann diesen Mitteilungen einer für das höhere Schulfach mir bestem Erfolge geprüften und trotzdem auch immer erst an letzter Stelle berücksichtigten Lehrerin (sie hat vor zwei Jahren das beste Examen gemacht, wird aber, obwohl einige ihrer damaligen Kolleginnen schon angestellt sind und der Lehrermangel ein großer ist, dann erst geholt, wenn nichijüdische Kräfte absolut nicht mehr zu haben sind) aus persönlicher Kenntnis noch beifügen, daß die Zahl der hierorts in städtischem Dienste stehenden jüdischen Lehrkräfte keineswegs dem Prozentsatz jüdischer Schüler entspricht. Man schreibt dies dem von Kassel aus ausgeübten Druck zu. Ein hiesiger Schulrat hat einer Schulamtsaspirantin, die sich beschwerte, gesagt: „Ja, hat man Ihnen denn beim Eintritt in das Seminar nicht gesagt, daß Sie auf eine Anstellung nicht rechnen können?" co Dresden, 1. September. Seitdem die antisemitische „Deutsche Wacht" nicht mehr das Organ der Resormpartei ist, zieht sie gegen ihren früheren Leiter, den Reichstags- und Landtagsabgeordneten Zimmermann, zu Felde, gegen den jetzt vor allem der Vorwurf erhoben wird, daß er zum Schaden der antisemitischen Reformpartei die Interessen der Konservativen vertrete. Zimmermann habe im Wahlkreise Borna-Frohburg, den sich der konservative Geh. Hofrat Opitz-Treuen als Zufluchtsstätte ausersehen hat, da seine Wiederwahl in dem Wahlkreise Treuen-Lengenfeld-Netzschkau als zweifelhaft gilt? seinen Parteigenossen abgeraten, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Das soll auf Wunsch des konservativen Landtagsprästdenten Geh. Hofrat Dr. Mehnert geschehen sein, der Zimmermann bei den letzten Wahlen zu einem Landtagsmandat verholfen hat. Trotz der Bemühungen Zimmermanns zu Gunsten seiner konservativen Freunde ist aber in dem genannten ländlichen Kreise der Gutsbesitzer Bohne als Kandidat der antisemitischen Reformpartei aufgestellt worden. Jedenfalls hat die Tatsache, daß Zimmermann, der früher zu den erbittertsten Feinden der sächsischen Konservativen gehörte, jetzt mit Mehnert und Opitz gemeinsame Sache macht, seine treuesten Anhänger in der Reformpartei stutzig gemacht. Das ist umsomehr erklärlich, weil die „Deutsche Wacht" Zimmermann auch für den Niedergang der antisemitischen Partei in Sachsen und auch dafür verantwortlich macht,