Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 8 (August 1905)
- Article
- Pyritz
- Date
- 1905-08-01
- Page
- 439 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Korrespondenzen. 431) Böckler sprach über Mittelstand, Reichstag und Reichsregierung, wie ein Antisemit eben zu sprechen gewohnt ist, wetterte gegen Großhandel, Warenhäuser, gegen Singer und die Sozialdemokratie, die „nicht nur den Palästen, sondern auch der letzten Bauernhütte" den Krieg angekündigt habe, und selbstredend gegen „Juden und Judengenossen". Es waren die alten Piecen, und nur einen neuen Ton brachte der Vertreter von Pomerellen in seine Darlegungen: daß er als besondere Uebel der Großstadt in liebenswürdiger Aneinanderreihung —■ Dirnen, Zuhälter und Juden bezeichnete." Die Sache ist insofern interessant, als das hiesige konservative Kreisblatt, weil jetzt Krösell und Böckler gegen die Konservativen losgehen, sich darüber entrüstet zeigt, daß von solchen Rednern „Dirnen, Zuhälter und Juden" Zusammengestellt wurden und Krösell konservative Männer, wie den Regierungsrat Schlange, Justizrat Aulig u. a. m. mit Schimpfwörtern aller Art belegt. Früher, als Krösell im konservativen Fahrwasser segelte, hatte das Kreisblatt gegen ähnliche Stilblüten gar nichts einzuwenden. Die Zeiten ändern sich, die Meinungen auch! 4- Danzig, 3. August. Die „Danziger Zeitung" veröffentlicht unter der Ueberschrift: „Trauriges Zeichen von Indolenz im freisinnigen Danzig" eine Zuschrift, in der es heißt: „Veranlaßt durch ein höchst berechtigtes Eingesandt eines Herrn Julius Cohn („Danz. 3ig.* Nr. 320, zweites Blatt), welcher am Abend des M. Juli er. von der Reise hier ankam und bei Nachfrage nach einem anständigen Lokale, in dem er sich erfrischen könne, leider in das Restaurant B. auf dem Holzwarkte gewiesen, dort aber als israelitischer Herr vermutet und ihm der Aufenthalt eben dieserhalb und noch mehr die Verabfolgung von Speise und Trank verweigert wurde, begab ich mich, um von der unfaßbaren Sache mich zu überzeugen, am 17. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, in das betreffende Lokal. Ich ließ mir vom Kellner ein Glas Bier bringen und fragte, von heftigem Unwillen erfaßt: „Sagen Sie mal, wenn ich nun ein Jude wäre, und Moritz Rosenblüth hieße, würden Sie mir kein Bier verabfolgend" — „Nein", war seine Antwort, „Juden werden hier nicht geduldet; Sie müßten es doch wissen, daß seit 14 Jahren hier an Juden nichts verabfolgt wird." So wörtlich. Ich wußte es wirklich nicht, weil ich es bisher für unmöglich hielt, daß eine so unerhörte Ansicht heutzutage noch bestehen könne, und zwar in einer Stadt wie Danzig, wo blühender Handel von jeher auch in den Händen angesehener jüdischer Kaufherren lag und noch liegt, wo jeder Mensch, der sich m Danziger Verhältnisse paßte, beliebt und angesehen war,