Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- S. C., Berlin
- Date
- 1905-05-01
- Page
- 306 (sequence 1)
- Language
- German
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306 Zm deutschen Reich. S. C., Berlin. Ueber den traurigen Fall, daß der hiesige Musikalienhändler Theodor Sehlis, ein Vater von sechs schulpflichtigen Kindern, infolge geschäftlicher Mißerfolge tobsüchtig und in die Irrenanstalt nach Dalldorf gebracht wurde, berichten hiesige Antisemiteublätter unter Hervorhebung folgender Einzelheiten: „Gestern Nachmittag besuchte er ein Ramschzeschäft, beschwerte sich, daß man die Phonographen billiger verkaufe als er, und machte schließlich solchen Lärm, daß die Hausdiener zwei Schutzmänner holten. Diese beruhigten ihn und brachten ihn nach Hause. Um 8 Uhr sprang er plötzlich aus dem Bette, schrie, daß er krank sei, und verlangte, daß man einen Arzt hole, „aber keinen Juden." Zwei Schutzmänner des 62. Reviers konnten ihn kaum bändigen, bis er in die Irrenanstalt gebracht wurde." — Der Mann ist kein Opfer der Warenhäuser, wie die Antisemitenpresse glauben machen möchte, sondern ihr eigenes Opfer, weil sie es ist, welche allen Leuten, die mit ungenügenden Mitteln Geschäfte errichten und keine Erfolge erzielen, den Wahn einimpft, von „den Juden" zu Grunde gerichtet morden zu sein. Tatsächlich geht es den nicht hinreichend kapitalkräftigen jüdischen Geschäftsleuten bei der jetzigen wirtschaftlichen Lage nicht um Haaresbreite besser; sie machen aber weder eine Religionsgenosfenschaft noch die bekanntlich keine Phonographen verkaufenden „Aerzte" für ihr Mißgeschick verantwortlich. B. M., Berlin. Wir danken Ihnen für die Uebersendung der Jon Lehmanns Komödie „Augen rechts" betreffenden Kritiken der „Deutschen Tageszeitung" und der „Deutsch-Sozialen Blätter", können aber Ihre Verwunderung darüber, daß die genannten Organe nicht einmal in der Kunstkritik sich von ihren antisemitischen Vorurteilen frei machen können und zu Entstellungen greifen, um auf die „Judenkunst" zu schimpfen, nicht teilen. Einmal, weil wir uns im Kampfe mit den Antisemiten und ihrer Preffe das nil admirari zum Grundsatz gemacht haben, dann aber in diesem besonderen Falle, weil die Männer der antisemitischen Partei allerdings in dieser Komödie am schlechtesten abschneiden, so daß man ihre Velstimmung begreifen kann. Aber das ist nicht Schuld des Autors, sondern logische Konsequenz ihrer ureigeusten Art. Wenn Sie die objektiveren Kritiken der „Kreuz-Zeitung", der „Täglichen Rundschau" und selbst der „Staatsbürger-Zeitung" — von liberalen Blättern ganz zu schweigen — durchsehen wollen, so werden Sie finden, daß nirgendwo dem Dichter der Vorwurf „der politischen Hetze niedrigster Art" gemacht wird, daß keinem Theater-Referenten, außer dem der „Deutsch- Sozialen Blätter", der Gedanke gekommen ist, daß die Komödie