Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 610 (sequence 14)
- Language
- German
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610 Im deutschen Reich. Cherson) ist es bereits durch darbende Reservisten zu ernsten Unruhen gekommen, die an einigen Orten zu einer erfolgreichen Selbstwrhr den Juden Anlaß gab. Daß die Juden sich nicht ruhig abschlachten lassen, gilt den russischen Richtern als Verbrechen. Am 24. Oktober hat vor der Homeler Gerichtskammer der große Prozeß begonnen, zu dem die Judenmetzcleien vorigen Jahres Anlaß gegeben haben. Die Regierung vertritt bekanntlich die Ansicht, daß die Unruhen in Hömel durch die Juden selbst provoziert worden seien; so ist es begreiflich, daß außer 44 Russen auch 36 Juden auf der Anklagebank sitzen. Ob diese wirklich des Ueberfallcs auf die Christen schuldig sind — wie das die Anklage behauptet — oder in Notwehr gehandelt haben, wird sich Herausstellen. Die Verhandlungen werden lange dauern, falls sie nicht gewaltsam vom Vorsitzenden abgekürzt werden, da 1101 Zeugen geladen sind. Die Bcamtenwelt in Rußland ist vollständig antisemitisch; aber von vielen anderen russischen Christen wird die jetzige furchtbare Notlage in Rußland bereits auf die durch die Antisemiten verschuldete Anarchie zuriickgeführt. Der neue griechischorthodoxe Archierej in Kischin ew, ein human gesinnter Priester, hat in einer Ansprache auf das Kriegsunglück hingewiesen und hinzugefügt: „Andere mögen diesen unsäglichen Jammer durch politische und ökonomische Gründe erklären; ich sage euch, er ist eine Strafe von Gott für das unschuldige Blut eurer jüdischen Mitbürger, das ihr im vorigen Jahre vergossen!" Die „St. Petersburger Zeitung" enlnimwt der Zeitschrist „Ruß" folgende zeitgemäße Betrachtung: „Für jeden Russen, der gerecht ist und eine wirklich umfassende und freie Entwickelung seines Vaterlandes wünscht, kann es auf die Frage, ob die Juden in ihren bürgerlichen Rechten der übrigen Bevölkerung des Reichs völlig gleich gestellt werden sollen, natürlich nur eine bejahende Antwort geben. Aber darüber, wie diese Gleichberechtigung gewährt werden soll — auf einmal oder allmählich — haben schwerlich selbst diese im Prinzip einigen Leute eine bestimmte allgemeine Ansicht, denn in dieser Frage ist bis jetzt in unserer Publizistik mehr geschimpft als gedacht worden. Möge die Zeit des kriegerischen Ungemachs für uns eine Zeit sein, in der wir auch über diese Frage Nachdenken. Wir, die wir außerhalb des Ansässigkeits-Rayons leben, denken zum erstenmal über die Juden wie über gleichberechtigte Mitglieder, die gleich den anderen das Vaterland beschirmen, und gewöhnen unsere Gedanken an den Abscheu vor der unversöhnlichen Wildheit des Antisemitismus. Und wenn dieses eine staatlich entwickelte Gesellschaft tun muß, so ist es noch mehr die sittliche Pflicht unserer Presse, in der — soweit sie sich selbst achtet — die innere Stimme