Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- S. K., L. R., Th. M. u. a. m.
- Date
- 1904-10-01
- Page
- 564 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Fm deutschen Reich. Dieses Suchen nach der Abkunft großer Männer erinnert zu sehr an die Versuche, die Behauptung, daß Horatius Flaccus, der Freund Agrippas, ursprünglich Jude gewesen, dadurch zu beweisen, daß es noch heute zahlreiche Juden gibt, die „Fleckeleö" heißen. Ist doch auch der Name „Stößeles" in Böhmen und Mähren nicht gerade selten. Das Blatt „Jewisch Chronicle" ist durch das neuerschienene Buch von James G. Hunnecker „Over-Tones" darauf gekommen, den Verfasser der Schrift .Das Judentum in der Musik" zum Judensproßling zu stempeln. In dem Kapitel des genannten Buches, welches „Parsifal" betitelt ist, heißt es, ein berühmter Wagner-Dirigent, der kürzlich in Newyork gewesen sei (Mottl?), habe dort seinen Freunden erzählt, er habe in der Villa Wahnfried die handschriftliche Selbstbiographie Wagners gesehen, welche erst nach Ablauf einer gewissen Frist ver öffentlicht werden dürfe, und darin gebe Wagner zu, der Sohn Ludwig Geyers zu sein, welcher Maler, Dichter, Dramatiker, Komponist, Schauspieler und Regisseur — kurzum, ein allseitig begabter Mann war, und dieser Luwig Geyer war angeblich jüdischer Abkunft- Dann wird auch Nietzsche angeführt, der etwa im Jahre 1887/88 geschrieben haben soll, Wagners Bater sei ein Schauspieler namens Geyer gewesen. Außerdem wird der Wagner-Biograph Henry D. Finck als Zeuge damr angeführt, daß in der Villa Wahnfried wohl ein Porträt von Wagners Mutter und von Ludwig Geyer zu sehen sei, aber keines von dem Leipziger Polizeiaktuar Wagner, der als Vater des Meisters gilt. Die „Welt am Montag" schreibt: „Es ist zum mindesten seltsam, daß die Familie das Gedächtnis des Stiefvaters mehr ehrt, als das des richtigen Vaters von Richard Wagner. Es ist weiter seltsam, daß dieselbe universale Begabung, aus der die Kunst Wagners aufgebaut ist, sich auch in seinem Stiefvater offenbarte. Geyer war nach den vorliegenden Nachrichten jüdischer Abkunft. In Wagners Deszendenz tritt der jüdische Typus wieder auf. Also Gründe zu der von uns glossierten Vermutung sind da." — Gewonnen ist dabei nicht viel; das „Judentum in der Musik" ist ohne Wagner so großartig vertreten, daß es die Zahl der großen Meister jüdischer Abkunft nicht künstlich auf Kosten des armen alten Leipziger Polizeiaktuars zu vermehren braucht. So verehrungswmdig der Künstler Richard Wagner erscheint; aus seinem Privatleben könnten die Antisemiten weit minder verehrungswürdige Züge herausfinden und jofcit der jüdischen Abkunft zuschreiben — wenn sich diese wirklich glaubwürdig Nachweisen ließe! Dem Künstler haben Juden wesentlich mit zur Anerkennung verholfen, den Menschen können wir den Ariern ruhig gönnen!