Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 9 (September 1904)
- Article
- Hamburg
- Date
- 1904-09-01
- Page
- 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316723--12823-2333834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 Im deutschen Reich. rufen den Verfasser der scharfen antisemitischen Streitschrift „Der Sieg -es Judentums über das Germanentum"' bei seinem Hinscheiden als ihren ehemaligen Kampfgenossen zu feiern und seine Geistesfrüchte weiter zu verwerten, aber bei seiner Beerdigung zeigte es sich doch deutlich, daß sie ihm seine Sinnesänderung nachtrugen. Die neuerdings in Hamburg erscheinenden „Deutsch-Sozialen Blätter", welche übrigens die Richtigkeit der Mitteilung der „Berl. Ztg." einfach bestreiten, berichten über die Beerdigung W. Marrs: „Außer der Witwe nebst einigen ihrer Freundinnen bestand das ganze Gefolge des einstigen Bürgerschafts- Mitgliedes und populären Volksmannes lediglich noch aus einem männlichen Artverwandten und drei Männern aus dem nationalen Lager, die in ihm zwar nicht den Parteigenossen, aber doch den gesinrungsverwandten Kämpfer für eine Zukunft der germanischen Rasse verehren konnten: Herrn Reichstags-Abgeordneten Raab, dem General-Sekretär des Parteiverbandes und dem Leiter unseres Parteiblaltes." In diesem Blatte wird aber in dem Nachrufe sehr richtig gesagt, Marr habe Lichtlos geendet; das war stets das Los derer, die das Licht der Aufklärung, die Sonne der Toleranz, verdunkeln wollten! Raab erläßt einen Aufruf behufs Errichtung eines Denksteins aut dem Grabe des früheren Antisemiten und sagt dabei: „Immer wieder werden wir das von ihm geschmiedete Rüstzeug hervorholen, wo wuchtige Hiebe geführt werden müssen. Wir ehren in dem Verblichenen eine knorrige, eisenfeste deutsche Kampfnatur, die nach rechts und links, nach oben und unten ausholte. Wir sind nicht kleinlich genug, diesem Manne darum zu grollen, wenn er auch gelegentlich gegen uns ein hartes, selbst ungerechtes Wort sprach und schrieb." — Gegen die Ehrung durch frühere Gesinnungsgenossen kann sich der Lore nicht wehren; sie ist seine wohlverdiente Strafe. Von den Antisemiten gilt hier das Wort: „Sie wahren treu die Fehler seiner Jugend und setzen sie dem alten Mann aufs Grab!" X Dresden, 1. Septbr. In dem kürzlich zur Versendung gelangten Verwaltungsbericht der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden auf das Jahr 1903 teilt der Vorstand der Gemeinde Nachstehendes mit: „Es hat im Kreise der Gemeinde und darüber hinaus Aeraernis erregt, daß in dem der Or. Güntz'schen Stiftung gehörigen „Dresdner Anzeiger", Nr. 165 vom 16. Juni 1903, Seite H, au$ Anlaß der Reichstagsvahl ein anonymer Aufruf zum Abdruck gelangt ist, der gröbliche Angriffe auf Juden und Judentum enthält. Wir haben vorausgesetzt, daß der Vorstand dieser Stiftung die Aeröffentlichnng eines solchen Angriffs auf einen Teil der Stadtgemeindemitglieder in dem ihm unterstehenden Amtsblatte mißbilligt und da-