Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- R. K., Stettin
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 250 (sequence 2)
- Language
- German
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250 Im deutschen Reich wo die im Mittelalter aus England vertriebenen Juden bei dem Volke nur noch in märchenhafter Erinnerung lebten und in dem Volksliede etwa wie die fabelhaften Menschenfresier behandelt wurden. Da in dem von Fontane nur aus Liebhaberei für eine Kuriosität übertragenen Liede der Mord als mit einem „silbernen Messer" und durch einen „Stoß ins Herz" verübt, dargestellt wird, hat aber selbst dem englischen Balladendichter kein „Ritualmord" vorgefchwebt. Die „Ostdeutsche Tageszeitung" hat jedoch ganz Recht, wenn sie sich dabei gegen die Böswilligkeit des gefährlichen Schalks Hugo Röhl in Bütow auflehnt und sagt: Es ist zum mindesten ein starkes Stück, wenn der „Bütower Anzeiger" vom 12. März 1904 ein altes Fontanksches Gedicht über die Ermordung eines Christenknabcn durch eine Jüdin mit der besonderen Überschrift versieht: „Eine Erinnerung an den 11. März I960." Der Leser soll also eine Gedankenverbindung machen zwischen dem Drama von Könitz und der schauerlichen Mordgeschichte, die Fontane besingt. Er nennt ja keine Namen, und der Verantwortliche würde sagen: Ich meine ja gar nickt die Kenitzer, sondern ganz andere. Das ungebildete Leser- Publikum aber bleibt vergiftet!" G. R., Bütow. Das dortige Amtsblatt besprach am 1. März das rätselhafte Verschwinden der 19 jährigen Tochter des Schlossers Erdmann aus der Sperlingsgasse in Danzig und fügte mit einer nicht zu verkennenden freundlichen Absicht die Bemerkung hinzu: .In der Bevölkerung wird der Vorgang hier und da mit Rücksicht auf das Bevorstehen des Osterfestes als eine Parallele zu dem Konihcr Morde an Ernst Winter angesehen. Solche Befürchtungen sind, wie wir Gelegenheit hatten, festzustellen, speziell auch zu qen Ohren der Mutter des Mädchens gedrungen und haben ihre Angst und Sorge begreiflicher Weise gesteigert." Die Hoffnungen des Bütower „Amtsblattes", eine neue „Winter-Tragödie" zu inszenieren, haben sich aber nicht erfüllt. Am 6. d. M. ist die Leiche des Fräulein Erdmann, ohne irgendwelche Verletzungen, in der Mottlau aufgefunden worden; wie die „Danziger Zeitung" berichtet, ist anzunehmen, daß das Mädchen in Schwermut sich in das Waffer gestürzt hat. — Auch diesmal haben die internationalen Antisemiten die Osterzeit an verschiedenen Orten dazu benutzen wollen, das elende Riiualmord- Märchen aufzufrischen. Das Prager Blatt ,Czech" knüpfte an die Meldung, daß eine bei einem Gymnasialprofefsor in Zizkow bedienstete 25 Jahre alte Dienstmagd am 19. März d. I. auf rätselhafte Weise verschwunden fei, allerhand sensationelle Vermutungen. Polizeikommiffar Knotek und Polizeikonzipist Janousek haben bald in diese