Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- L. S., Berlin
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 610 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316711--11636-2332287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
610 Im deutschen Reich. Welch' herrliches Menschentum und welch' edler Begriff von der Gottesmacht! Es genügt vollständig, solche antisemitischen Erzeugnisse niedriger zu hängen! L. R., Berlin. „Ein recht abstoßendes Sittengemälde ist es", wie die „Staatsbürger-Zeitung" einmal richtig bemerkt, „welches zur Zeit vor der 2. Strafkammer des Landgerichts I im Prozeß Baganz und Genossen entrollt wird." Wenn dann das Blatt von dem Angeklagten Aufrecht sagt, er sei ein jüdischer Mitbürger, der aus Oesterreich herübergekommen ist, so sollte es billiger Weise auch sagen, wer die übrigen Angeklagten sind. So schreibt sie von dem JustizratRaetzell, der wegen Verleitung zum Amtsverbrechen angeklagt war, aber freigesprochen worden ist: „Justizrat Raetzell, der im Verdachte des ehebrecherischen Umganges steht, verweigert zunächst seine Aussage, erklärt sich dann bereit, wird aber glücklicherweise nicht vereidigt. Die Genossin seines ehebrecherischen Umganges, die dann als Beklagte im Ehescheidungsprozeß einen Reinigungseid leisten soll, verweigert diesen und schließlich endet die Geschichte mit einem Vergleich der Parteien. Wie ist es möglich, daß bei solchen Ehescheidungsprozessen, die im Grunde nur von Anwälten geführt werden, so schwierige Sachen Vorkommen können?" — Weiß denn die „Staatsbürger Ztg." nicht, daß Raetzell ihr Parteigenosse war und zur Zeit der von Rudolf Herzog unterstützten Stöcker- Bewegung als Antisemit in Berlin kandidierte? M. <2., Berlin. Von dem wegen Unterschlagung zu 4 Monaten Gefängnis verurteilten früheren Pfarrer Andreas Kirchner von Hausen wird berichtet, daß er in seiner früheren Stellung in Pfarrweisach zur Zeit des Haßfurter Fleischbesudelungsmärchens für seine Pfarrgemeinde eine eigene Dorfschlächterei errichten ließ, „damit man kein verunreinigtes Fleisch mehr von den böjen Juden kaufen müsse und dadurch an Leib und Seele Schaden leiden könnte." A. K.» Berlin. Die Zeitschrift „Toleranz", deutsch-völkische Wochenschrift für Juden und Christen ist nichts weniger als „tolerant" . Alles, was ihr an denjenigen freisinnigen Blättern tadelnswert erscheint, die zwar von Juden herausgegeben, aber von Christen redigiert werden, legt sie der Gesamtheit der. Juden zur Last, trotzdem sie selbst zugeben muß, daß es viele Juden gibt, die jenen Blättern kein Mandat zur Vertretung des Judentums zugestehen. Trotzdem behauptet die „Toleranz" schlankweg, selbstverständlich ohne den Schimmer eines Beweises, daß das Judentum durch seine Begünstigung des Radikalismus den Judenhaß selbst großgezogen habe, daß