Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Dresden
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 432 (sequence 2)
- Language
- German
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432 Im deutschen Reich. Entziehung voranzugehen habe und diese nur von Personen vorgenommen werden dürfte die hierzu durch eine geeignete Prüfung die Berechtigung, erworben hätten. Auf dem vorigen Verbandstage in Burgstädt hatte die Leipziger Fleischerinnung angeblich die Beantragung der Aufhebung des Schächtverbots angeregt, dessen schädliche Wirkungen sie zumeist empfindet, während in den meisten anderen sächsischen Städten die Zahl der jüdischen Einwohner nur eine sehr kleine ist. Die übrigen Innungen würden kollegialer gehandelt haben, wenn sie der Leipziger Anregung Folge geleistet hätten, statt dem Reiche zuzumuten, Bestimmungen zu treffen, die das in Leipzig empfundene Verbot verallgemeinern und etwas, was jetzt von der kleinen Anzahl der in Sachsen lebenden Juden als Gewissensbedrückung empfunden wird, auf viele Tausende von deutschen Juden auszudehnen. Der antisemitische Verein in Oelsnitz hat sich, nachdem die Mitgliederzahl auf drei zusammengeschrumpft war, aufgelöst. Auch in Sachsen, ehemals der Hochburg des Antisemitismus, beginnt es zu tagen. München, 1. Juni. Die „Münch. Neuesten Nachrichten" berichten über eine hier am 28. v. M. abgehaltene christlich-soziale Versammlung: „Glasermeister Wagner verlas die Sätze des christlichsozialen Programmes bezw. die bayrischen Handwerkerforderungen. Mit „Enerschie" wollte er „das beschnittene und unbeschnittene „Judentum" bekämpft sehen — hier ertönten ermunternde Zurufe: Kischenew! — „das Judentum, das mit Gift um sich wirft." Redakteur und Ingenieur Weung sprach darüber, was die Christlich-Sozialen über die Reichspolitik „denken". Sie steht natürlich ganz im Dienste des Kapitalismus und des Judentums. Der Chinafeldzug und die „Blamage von Venezuela" waren für Herrn Wenng die besten Beweise davon. Der Kaiser und das Zentrum boten Herrn Wenng gleichfalls Grund, um über die Reichspolitik nachzudenken. Die Freundschaft zwischen beiden gefällt ihm nicht. Die kaiserliche Politik ist ihm die Politik des „Hans-Dampf in allen Gaffen", die uns noch in blutige Kriege verwickeln wird, und das Zentrum ist eine Regierungspartei geworden, wie sie schlimmer nicht gedacht werden konnte. Wenng warnte die deutsche Nation, ihre Geschicke dem Kaiser anzuvertrauen, dem zwar Ehrerbietung gebühre und unter dessen Passionen das deutsche Volk indessen nicht leiden dürfe. Der Kaiser sei zwar ein moderner Mensch und eine glänzende Erscheinung, allein die christlichsoziale sei die einzig wahrhaft moderne Partei, ergo christlich-sozial wählen. Auf Herrn Wenng folgte der Gymnasialprosessor a. D. und Benestziat Schnepper