Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- An unsere Mitglieder und Glaubensgenossen!
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 326 (sequence 2)
- Language
- German
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126 Im deutschen Reich. Die Behörden und ihre Organe., vielfach in Unkenntnis dieser Gefahr, können oder wollen dies Treiben nicht überall hindern. Wohl trifft hier und da die gesetzliche Strafe einen der antisemitischen Führer. Der Verleger der „Staatsbürger-Zeitung", Herr Bruhn und sein Redakteur, wurden wegen Beschimpfung von hohen Regierungsbeamten, Staatsanwälten, Richtern, Bürgermeistern, Polizeibeamten und Privatpersonen zu Gefängnis verurteilt. Und trotzdem wird derselbe Herr Bruhn von dem amtlichen Friedeberger Kreisblatt als geeigneter Reichstagskandidat empfohlen. Und ein anderer Umstand fördert noch wirksamer die Ziele jener staatsfeindlichen Partei: In manchen deutschen Einzelstaaten wird die in der Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung so gedeutet, daß das Ofstzier- Korps, die höhere Beamten-Karrwre, der Richter-, der Lehrerstand den Juden ganz oder fast ganz verschlossen bleibt. Nur der Glaubenswechsel öffnet die Schranken und wird damit prämiiert. Hiergegen hilft nur politische Erziehung und'Aufklärung der breiten Wählermassen. Sollen wir untätig bei Seite stehen und warten, bis wie in Kischinew die giftige antisemitische Saat weiter ihre furchtbaren Früchte zur Reife bringt? Freilich, nicht jeder spürt es am eigenen Leibe, wie demjenigen zu Mute ist, der sich in seiner Laufbahn gehemmt sieht, oder demjenigen, der Haus und Hof, wie in Könitz und anderen Orten verlassen muß, oder dem, der von der Gesellschaft ausgeschlossen, geschäftlich boykottiert, auf der Straße von Gassenbuben verhöhnt wird, weil er — als Jude das Licht der Welt erblickt hat! Mit der Mißachtung jüdischer Ehre und jüdischen Rechts fängt man an, wenn man mit der Mißachtung jüdischen Besitzes und jüdischer Menschenleben enden will. Glaubensgenossen! Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann! Nicht klagen, nicht die Faust in der Tasche ballen hilft uns. In dem Stimmzettel ist uns eine mächtige Waffe der Abwehr gegeben. Schon verbreiten die Anhänger der antisemitischen Partei Gesetzentwürfe, durch welche sie den deutschen Juden ihre bürgerlichen und staatsbürgerlichen Ehrenrechte nehmen wollen; schon beschönigen sie mit kaum noch verhüllenden Worten den Mord, den Raub und sonstige Gewalttat nach russischem Vorbilde. Jeder antisemitische Abgeordnete mehr gilt einer schwachen Regierung als Ausdruck jener Volksstimmung , welche unsere schwer erkämpfte Gleichberechtigung abschaffen und uns wirtschaftlich, physisch und moralisch vernichten will.