Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am Schlusse des ersten Jahrzehnts
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 12 (sequence 12)
- Language
- German
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Deutfrfjen losigkeit Zu züchten. Wenn solche Uebertritte noch Vorkommen, wenn es auch noch immer Juden gibt, die zwar selbst davor zurückschrecken, Lei dem Uebertritt einen Glauben zu beschwören, von dem sie nicht überzeugt sind, aber aus falscher Liebe zu ihren Kindern diese Laufen lassen und sich damit selbst entfremden — jetzt verbergen sie diese törichte Handlungsweise, so lange dies möglich ist. Sie schämen sich ihrer Abtrünnigkeit, weil sie häufig wahrnehmen, daß gar viele, welche früher unbedachter Weise milder über solche Untreue urteilten, jetzt charaktervoll genug sind, eine reinliche Scheidung mit solchen Leuten vorzunehmen. Der Central - Verein würde seine erziehliche Aufgabe nur Halo lösen, wenn er sich damit begnügte, das religiöse Bewußtsein wachzurufen, wenn er nur zu diesem Zwecke an den in den deutschen Juden vorhandenen Mannesmut und Biedersinn appellieren wollte! Er will mehr; er will alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens um das von ihm aufgepflanzte Banner vereinigen; er hat deshalb neben der Glaubenstreue die Liebe zum deutschen Vaterlande zu pflegen, seine Mitglieder zur treuesten Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten anzuhaiten; denn in dieser bürgerlichen Pflichttreue wurzelt der Anspruch auf die Rechte, die zunächst teilweise nur noch auf dem Papier stehen, die uns aber auf die Dauer nicht vorenthalten werden können, weil Recht Recht bleiben muß! Schon kehren Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein, Selbstachtung und Selbstkritik bei uns wieder ein! Der Gedanke, nicht allein zu sein, läßt den Einzelnen leichter Unbill ertragen, bewahrt ihn vor der Bitterkeit des Vereinsamung. Diesen Werdegang zu fördern, ist für jeden deutschen Juden Ehrensache. Dieser Ehrenpflicht haben schon jetzt viele Tausende unserer Glaubensgenossen genügt. Der Central-Verein, der mehr als 12 000 Einzelmitglieder zählt und dem sich hundert größere jüdische Organisationen korporativ angeschlofsen haben, tritt am 5. Februar dieses Jahres sein zweites Jahrzehnt als eine mehr als 100 000 deutsche Juden umfassende Vereinigung an. Das ist viel, aber bei weitem noch nicht genug; vor ihm liegt noch unerreicht sein hohes Ziel, als eine Vereinigung aller deutschen Juden eine freiwillig geschaffene Vertretung dieser darzustelleu, deren Stimme gehört werden muß, wenn sie sich für bedrohte Rechte der Juden erhebt, weil eine halbe Million deutscher Staatsbürger diese Stimme mächtig widerhallen läßt. Keine eherne Glocke läutet das Fest des zehnjährigen Bestehens des Central- Vereins ein, aber sicher klingt es dabei in den Seelen von Tausenden deutscher Staatsbürger doch wie Festgeläute, wie der Ten jener