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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 643

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Wien
Date
1902-11-01
Page
643 (sequence 2)
Language
German
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Korrespondenzen. 643 in seiner Beilage zu Nr. 78 in einem „Rabbiner-Versammlungen einst und jetzt" überschriebenen Artikel die Beschlüsse einer Frankfurter Versammlung vom Jahre 1603 aufgezählt, welche Ihr Berichterstatter der diesjährigen Rabbiner-Versammlung zugeschrieben hat." — Das genügt! Unter der Ueberschrift „Taufschein-Juden" druckt das antisemitische „Deutsche Volksblatt" eine Aeußerung des jüdischen „I. V." ab, „wonach in Wien die Juden öfters, nachdem sie die Dccentur oder die Professur erlangten, sich taufen ließen; der eine, um bequemer den Adel oder Orden zu erjagen, der andere, um sich eine arische Klientel zu ergattern, der dritte „seiner Kinder" wegen, der vierte einfach, weil es heute Charakter erfordert, Jude zu bleiben, und er eben keinen Charakter befaß, und jener schließlich, weil er einem assimilatorischen Milieu entsprossen, jeden Zusammenhang mit dem Judenthum verloren hatte." Nach den Mittheilungen des „I. V." befindet sich an der Wiener Universität eine große Anzahl getaufter jüdischen Profesioren und Docenten. Zu dieser Thatsache bemerkt das Antisemitenblatt: „Als Rasseantisemiten sind wir uns des Wertes der Judentansen bewußt und deshalb kann uns auch eine Massenflucht zum Taufkcssel in unserer Ueberzeugung nicht wankend machen, daß getaufte Juden gerade so bekämpft werden müsien als ungetaufte, und so wollen wir es auch in Zukunft halten." Würden die Herren Antisemiten diese freundliche Zusicherung gewissenhaft erfüllen, dann dürfte sich die Zahl der charakterlosen Ueberläufer künftig in erfreulichster Weise vermindern! □ Prag, 2. November. Die bei der hiesigen St. Wenzels- Vorschußkasse entdeckten Unterschlagungen betragen mehr als vier Millionen Kronen. Der Präsident der Kasse, Monsignore Profesior Johann Drozd, ein bekannter ezechijch-klerikaler Agitator, der früher das klerikale Blatt „Czech" redigierte, sowie der Direktor der Buchhaltung Wenzel Kohout wurden verhaftet. Das antisemitische „Wiener Volksblatt", welches bei den Unterschlagungen Jellineks diese am 20. September auf „die unbegrenzte Geldgier seiner Rasse" zurückzuführen müssen glaubte, ist angesichts der klerikalen Defraudation plötzlich andern Sinnes geworden. Es schreibt am 21. Oktober: „Religions- und Rasienangehörigkeit sind uns bei Beurtheilung dieser Defraudationsfäüe vollkommen gleickgiltig .... Eine von Jellinek gestohlene Million wiegt gerade so viel wie eine, die Drozd unterschlagen hat .... Jeder denkende Mensch weiß, daß kein Religionsbekenntnis vor Verbrechen schützt, daß es in jeder Religionsgemeinschaft, in jeder Gesellschaftsklasse,

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