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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 602

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Heinrich Rickert
Date
1902-11-01
Page
602 (sequence 2)
Language
German
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602 Im deutschen Reich. Gerechtigkeit nicht zu vereinigen vermochte. Nicht Vorliebe für die Juden, sondern nur die warmherzige Empfindung für Verfolgte und Bedruckte, leitete ihn dazu, fick den Männern anzureihen, die bei dem Beginn der antisemitischen Hochfluth im Jahre 1880 durch die Erklärung der Notablen die Schnrach des Jahrhunderts zu tilgen verruchten. Aus derselben Empfindung heraus entstand der im Jahre 1890 von Gneist und Rickert im Vereine mit 10 Gesinnungsgenossen begründete „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", dessen Leiter und Seele Rickert bis zum letzten Athemzuge gewesen ist. Wenn seine -Parteigenossen in ihm den gcsinnungstüchtigen, hochbegabten Führer betrauern, so beklagen die deutschen Juden in ihm tat ehrlichen Freund, der bei jeder Gelegenheit von der Tribüne der deutschen Volksvertretung und derjenigen des preußischen Abgeordnetenhauses herab für die bedrohten Rechte einer wehrlosen Minderheit der deutschen Bevölkerung mann fest eingetreten ist. In den Herzen der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens tönt das Wort des Dichters Claudius wieder: „Ach, sie haben einen guten Mann begraben — und uns war er mehr!" Einer seiner unversöhnlichsten Feinde, der ihn im Leben durch den Namen des „Führers der Judenschutztnippe" zu schmähen glaubte und den Menschenfreund dadurch wider Willen nur ehrte, schreibt in den „Deutsch-Sozialen Blättern": „Hoffentlich findet sich kein Mann deutscher Abkunft, der die Rolle weiter spielt, die er sich erwählt hatte." Und in demselben Blatte heißt es: „Für Rickert wird im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine ganz besondere Ehrung stattfinden!" Deren bedarf es nicht; der Haß der Schlechten ist die höchste Ehre des Gerechten! Würde sich wirklich kein Deutscher finden, der Rickert's Rolle weiter spielt, so würden wir das um des deutschen Vaterlandes mehr als um unsertwegen beklagen. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde gegründet, um zu zeigen, daß wir nicht nur Andere für uns streiten lasten und selbst hinter der Front bleiben, wenn unsere heiligsten Güter angetastet werden, sondern daß wir muthig selbst in die Bresche treten und, wo es Roth thut, die eigene Haut zu Markte tragen. Aber wir verzichten deshalb nicht auf edle Mit. kämpfer, wie es Gneist und Rickert waren. Wir sagen nicht in dieser Stunde: „Die Sonnen also scheinen uns nicht mehr; fortan muß eigenes Feuer uns erleuchten!" Nein — wir sind froh, wenn wir Kampfgenossen christlichen Bekenntnisses gewinnen, die es würdigen, daß'wir nicht nur für unsere Glaubensgemeinschaft, sondern für die größte Kulturerrungenschaft des deutschen Volkes streiten, die es ver-

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