Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 232 (sequence 8)
- Language
- German
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2*2 Im deutschen Reich. Daß er den Ausfall der Berliner Handelskammer-Wahlen in feinen „Deutsch-Sozialen Blättern" darauf zurückführt, daß „die stets mit ihren großen Mitgliederzahlen prunkenden Vereine der Nesormpartei und des Volksbundes auch nicht den leisesten Versuch machten, selbstständig in die Wahlbewegung einzugreifen", war wiederum einer seiner vergeblichen Versuche, den anderen Antisemiten den Rang abzulaufen. Ebenso unglücklich ist sein Verhalten den Katholiken gegenüber, denen er durch die Vermittelung einzelner antisemitisch gestimmten Organe sich zu nähern versucht, während er gleichzeitig mit seinem früheren Freunde und jetzigen Gegner, dem Herausgeber der „Deutschen Wacht", in der Förderung der „Los von Rom-Bewegung"'wetteifert, um seinen Anhang in Leipzig nicht zu verlieren. Er selbst weist beständig auf die große Zunahme der Katholiken im Königreich Sachsen warnend hin und schreibt in den „Deutsch-Sozialen Blättern": „So beträgt die Zahl der Katholiken im äußeren Leipziger Westviertel wegen der vielen industriellen Betriebe rund 8000. Eine eigene katholische Schule ist in Leipzig.Lindenau eingerichtet worden, und binnen kurzer Zeit soll eine neue katholische Kirche folgen. Die Kaholikcn Sachsens wollen auch eine eigene Tageszeitung haben, und so sind endlich nach vielen Mühen so viel Gelder zusammeuzckommen, daß vom 1. Oktober d. I. ab in Dresden ein katholisches Tageblatt für das Königreich-Sachsen erscheinen wird." Dasselbe Doppelgesicht zeigt in der sächsischen Katholikenfrage auch der Führer der antisemitischen Reformpartei, Oswald Zimmermann, der mit Rücksicht auf seine deutsch-böhmischen Leser die Los von Rom-Bewegung preist, auch ebenso wie Liebcrmann das durch das Zuströmen ezcchischer. italienischer und polnischer Arbeiter erklärliche Anwachsen der katholischen Bevölkerung als Agitationsmittel benutzt llnd das Eentrum rastlos anfeiudet, aber sofort wieder mit der „Germania" und der „Märk. Volkszeitung" sympathisiert, wenn diese gegen die Juden losziehen. Das Hinscheiden des hochbegabten Centrumsführers Dr. Lieber veranlaßt das Organ Zimmermanns, die „Deutsche Wacht" zu einem Nachruf, in dem die Hoffnung ansgedrückt wurde, daß sich nach dem Tode dieses Führers, der antisemitische Zug im Centrum stärker entwickeln werde. Lieber habe sich aus „religiöser Toleranz" wiederholt für das Judenthum "ingesetzt, z. B. beim Schächtantrag, und die Judenpresse sich durch Verkündung seines Ruhmes dankbar erwiesen. Das Hinscheidcn Licbers ist in weiten jüdischen Kreisen tatsächlich aufrichtig beklagt worden. Was er aus tiefer religiöser Empfindung und aus Billigkeitsgefuhl in der gedachten Weise geleistet hat, sichert ihm in. diesen Kreisen