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Im deutschen Reich · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. 55

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
E. K. Berlin
Date
1902-01-01
Page
55 (sequence 2)
Language
German
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Briefkasten ver Redaktion. 55 nachtskarte nach der anderen von Christenmädchen (I). — — Es hat mich innerlich empört, daß diese jungen Christinnen geradezu frivol den Stern von Bethlehem von singenden Engeln umgeben in solche Hände legen. Wenn auch die Absenderinnen nicht zu den gebildeten Ständen gehören, so liegt die Konfirmation bei ihnen noch nicht sehr weit zurück, und sie mühten doch unsere Religion so weit ersaht haben, daß solche — Ungeheuerlichkeiten zu vermeiden wären. Wenn in meine traurige Einsamkeit auch nur ein solch' Kärtlein gedrungen wäre, so hätte sich mir ein Born von Christfreude geöffnet und mich gestärkt zu der schweren Jahreswende, der ich heute ganz verzweifelt entgegengehe.-Mir scheint's nicht schlimm, daß meine Festnahrung aus zwei Schrippen bestand, wenn ich nur der atterbarmendcn Weihnachtsliebe nicht so ganz und gar entbehrt hätte! Und die Weihnachtskarten kamen an — den Juden — - — Dazu bemerkt das Antisemiienblatt: „Diese Christenmädchen, die dem Juden Weihnachrskarten schicken, sind ein Ergebnih unserer Zeit! ^öenn die Chlistgescheuke beim Juden geholt werden, so meinen sich die Dirnen (?) berechtigt, dem Juden Christkarten zu schicken" —. Die für die Zimmermiethe eines Juden nicht unempfängliche, aber sonst offenbar nicht sehr tolerante Dame muh eine recht feine Rase haben, wenn sie, ohne fremde Karten indiskret zu lesen, sofort herausgespürt hat, daß die Karten von „jungen Christinnen" herrührcn, die nicht zu den gebildeten Kreisen gehören. Die Bezeichnung „Dirnen" rührt zwar nicht von ihr, sondern von der kräftige Ausdrücke liebenden Redaktion her, aber immerhin scheinen uns nickt die harmlosen Kartensendungen, sondern das Verhalten der Zimmervermietherin „ein Ergebniß unserer Zeit!" L. S. Berlin. In den letzten Wochen vor dem Weihnachtsfeste sind diesmal keine eigentlichen Weihnachts-Flugblätter in den Straßen Berlins zur Verteilung gelangt. Ihre gegenteilige Annahme kann nur durch eine Gratis - Vertheilung einer Anzahl Exemplare der Nr. 99 des Sedlatzek'scken „General - Anzeigers" oder durch die Verbreitung eines die Ueberschrist „Weihnachten!" tragenden Flugblattes veranlaßt fein, deffen Inhalt sich jedoch nur gegen das „Großkapital", bezw. gegen die Waarenhäuser A. Wettheim und A. Jandorf k Co. richtete. Herausgegeben war dieses Flugblatt vom Gaukreise Groß-Berlin des deutsch-nationalen Handlungsgehilfen-Derbandes, „Viktor Blobel, Wilmersdorf", gedruckt von „Wilhelm Bruhn, Berlin SW., Friedrichstr. 16". Wo diese beiden Herren sich zusammenfinden, ist die Tendenz allerdings nicht zweifelhaft, auch wenn? sie nur zwischen den Zeilen ermittelt werden kann.

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