Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Marburg
- Date
- 1901-05-01
- Page
- 287 (sequence 2)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 287 wenn er einen Zeitungsartikel los werden wolle, so wenig nach der Konfession seines Abnehmers frage, wie ein Gastwirth, der einem Juden ein Glas Bier verkaufe. Dazu bemerkt die „Hessische Landeszeitung": „Böckel stellt sich als Politiker ganz auf den Standpunkt des Bierwirths. Aber in den Ausführungen Böckels steckt noch mehr als das Zugeständnis ein reiner Geschäftspolitiker zu sein. Es handelt sich bei dem Geschäft nicht darum, daß Böckel etwa Artikel schreibt, für die er dann Abnehnler sucht. Umgekehrt: er hat erst eine Vereinbarung mit vr. Hamburger getroffen auf Lieferung von Artikeln und dann, diesem Abkommen entsprechend, die „Artikel" geliefert. Böckel befindet sich also nicht in der Lage des unglücklichen Schriftstellers, der irgend etwas geistig produziert hat, und nun herumsuchen muß, wo er es verwerthen kann, sondern er ist ein von vornherein fest fixiertes literarisches Verhältniß eingegangen." Frankfurt a. SB., 4. Mai. Aus Darmstadt wird der „Frankfurter Ztg." geschrieben: „Darmstadt, 1. Mai. Eine erhebliche „Leutenoth" scheintim hessischen Justizdienst zu herrschen. Justizminister vr. Dittmar hat, wie verlautet, bereits sämmtliche Assessoren der letzten Prüfung, ohne daß ihnen die amtliche Mittheilung über den Ausgang ihres Examens schon zugegangen wäre, aushilfsweise eingestellt, — nur die beiden Assessoren jüdischer Konfession nicht. An deren wiffenschaftlicher oder persönlicher Unzulänglichkeit liegt das offenkundig nicht. Woran licgt's also?" Die antisemitische „Deutsche Volkswacht" widmete am 13. April dem vor einigen Wochen verstorbenen Wiener Pfarrer Joh. Decker^ einen begeisterten Nachruf und fügte hinzu: „Pfarrer Deckert war der Verfasser des antisemitischen Vaterunsers, das folgenden Wortlaut hat: „Vater unser, der Du bist in dem Himmel, sieh herab auf die elende Erde, welche unter der Knechtschaft der Juden seufzt. Geheiliget werde dein Name, in und außer dem Tempel, aus dem du die Schnorrer, Schacherer, Trödler und Wechselfälscher mit der Geißel vertrieben hast. Zu uns komme dein Reich, denn unser Reich ist unter der Herrschaft der Fremdlinge arm geworden, daß Gott erbarm! Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden, nicht der Wille Rothschilds und seiner Leute, welche die Könige lenken und die Völker knechten. Gieb uns heute unser tägliches Brod, denn die Neth ist groß; sie pocht an die Thüren des arbeitenden Volkes in Stadt und Land.