Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- Prag
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 543 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316673--07304-2326545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Korrespondenzen. 523 Personen, sich vor der Wohnung des bezichtigten Kaufmanns zu versammeln und antisemitische Lieder anzustimmen. Bei dem Herannahen der Gendarmerie zerstreuten sich die Demonstranten. Die ein-- geleitete Untersuchung ergab natürlich die völlige Unwahrheit des von. der Anderle ausgestreuten Gerüchts, weshalb gegen dieselbe Straf-- anzeige erstattet wurde. Dsreirrsrmchrichten. urch die gewisienlose Verwerthung der noch unaufgeklärten Blutthat in Könitz zur Aufreizung der Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbürger ist die Stimmung vieler Vereinsmitglieder derart, daß es ebensowenig räthlich erscheint,, sich über die noch völlig in der Schwebe befindlichen Angelegenheiten eingehend zu äußern,, als andere Fragen ausführlich zu erörtern, welche trotz ihrer Wichtigkeit in der augenblicklichen Lage kaum das Interesse zu fesselnvermöchten. Wir müssen augenblicklich bei steter Wachsamkeit uns der größten Ruhe befleißigen und dürfen uns durch das, was in der Konitzer Sache bisher geschehen ist und augenblicklich geschieht, nicht verbittern oder etwa gar unser Vertrauen auf die deutsche Rechtspflege erschüttern lassen. Noch ist der Mörder Ernst Winter'S zwar uventdeckt; aber seine schließliche Ermittelung ist zu erhoffen; keinesfalls ist an dem Eifer der Behörden zu zweifeln, seiner habhaft zu werden. Je früher dies geschieht, desto eher wird der Druck schwinden, der jetzt auf dem Herzen aller Juden lastet, denn selbst wenn einer ihrer Glaubensgenoffen als der Schuldige erkannt werden sollte, was übrigens kaum anzunehmen ist, müßte es sich zugleich unwiderleglich ergeben, daß. nur der Einzelne, nicht die Gesammtheit oder auch nur eine Schaar von Genoffen an dem Verbrechen schuldig ist. Gleichviel, ob der Thäter ein Jude oder ein Christ, darüber kann sicher kein Zweifel obwalten, daß religiöser Fanatismus mit dem frühen Ende des wahrscheinlich, einem seiner zahlreichen Liebesabenteuer zum Opfer gefallenen Prechlauer Jünglings nichts zu schaffen hatte. Jeder anständig denkende Mensch wird deshalb von Herzen wünschen, daß das an ihm verübte Verbrechen baldmöglichst gesühnt werde, damit nicht länger wegen, deffelben zahllose Unschuldige beschimpft, mißhandelt oder geschäftlich zu Grunde gerichtet werden. Anders denken offenbar nur: