Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 8 (August 1900)
- Article
- Prag
- Date
- 1900-08-01
- Page
- 424 (sequence 2)
- Language
- German
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424 Im deutschen Reich. Tillinger zur katholische nKir che überzutre Len beabsichtige und der antisemitischen Sache sehr gute Dienste leisten könne. - - Uns setzte Tillinger auseinander, daß er viel mehr als Rohling wisse. Inzwischen soll er Mitarbeiter, des Vergani'schen „Deutschen Volksblattes" werden, für welches er schon von Berlin aus zuschreiben pflegte. Außerdem soll er Korrespondent der beiden genannten reichsdeutschen antisemitischen Journale werden. Seine Beziehungen* zu den antisemitischen Blättern lassen sich leicht erklären- Tillinger glaubt an den Ritualmord und schützt Beweise für denselben vor. Am 21. Juni veröffentlichte er in dem antisemitischen „Deutschen General- Anzeiger" einen Artikel „Der Talmud und der Ritualmord", und am 8. Juli einen Artikel „Uebersetzung der jüdischen Geheimschriften". Jetzt soll er offenbar im „Deutschen Volksölatt" Artikel über die Blutbeschuldigung gegen die Juden veröffentlichen. Es ist dies die alte Methode der Anhänger des Ritualmärchens. Sie suchen unter den Juden Leute, welche in Folge von Konflikten mit ihren Glaubensgenossen oder aus anderen Gründen sich zu unmöglichen Auslegungen des Talmuds und der jüdischen Tradition gebrauchen lassen." — Der „CzaS" erinnert sodann an den analogen Fall des Paulus Mayer und' bemerkt, es sei gewiß kein Zufall, daß sich die Antisemiten gerade vor dem Polnaer Prozeß Juden, die mit ihren Glaubensgenoffen verfeindet sind, für ihre Redaktionen beschaffen. Die „Neue Freie Presse" berichtet, daß dieser saubere Mitarbeiter der Antisemitenblätter nach seinem Besuche in der Redaktion des „Czas" noch bei dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Smichow bei Prag vorsprach, um sich um die vakante Stelle eines Rabbiners zu bewerben. Der Mann taugt bester für den Mitarbeiterkreis der Antisemitenpreffe! 0 Odessa, 8. August. Während der hier am 30. Juli verübten antisemitischen Excesse ist der Gouverneur Graf Schuwalow durch einen Steinwurf am rechten Arm getroffen und ein Polizei-Inspektor schwer verwundet worden. Fünf Juden sollen getödtet sein und über hundert schwerverletzte sich im Hospital befinden. Hunderte von Waarenhäusern sind geplündert, Möbel, Betten und dergleichen auf die Straßen geworfen und vernichtet worden. In den ärmeren jüdischen Quartieren, aus denen die Insassen geflohen waren, wurde der Hausrath in großen Haufen zusammengetragen und angezündet. Erstaunlich bleibt es allerdings, daß in einer Stadt wie Odessa, wo nicht nur ein starkes Polizei- und Gensdarmeriekorps existiert, sondern auch eine große Garnison vorhanden ist, der Pöbel zwei Tage und Nächte lang die ärgsten Ausschreitungen begehen konnte.