Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1900-08-01 · Heft 8 (August 1900) · p. 422

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 8 (August 1900)
Article
Ulm
Date
1900-08-01
Page
422 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2316602-2316663-2316671--07057-2326381
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

422 3m deutschen Reich. bezichtigten und das Verbrechen zu einem Nitualmord stempelten. Der Schächter wurde verhaftet, jedoch, da sich die Haltlosigkeit der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen ergab, nach einiger Zeit wieder freigelaffen. Der wahre Schuldige blieb sechs Jahre unentdeckt. Am letzten Dienstag Abend ist aber auf dem Bahnhöfe der Stiefvater des Ermordeten, der Wagenwärter Eisenhardt, gerade, als er vom Dienst mit dem Zuge ankam, verhaftet worden, weil Anzeichen gefunden wurden, die darauf hindeuten, daß Eisenhardt -entweder selbst den Mord begangen oder zum mindesten Beihilfe geleistet hat. Die Verdachtsgründe wurden feit dem am 6. Juni -erfolgten Tode der Ehefrau des E. so belastend, daß die Verhaftung des Verdächtigen erfolgte. Wien, 3. August. Vor einem Senate hatte sich hier kürzlich der verantwortliche Redakteur der antisemitischen „Ostdeutschen Rundschau", Ed. Gerstgrasser, dafür zu verantworten, daß er am 12. September v. I. bei dem Beginn des Prozesses gegen Leopold Hilsner den Mord in Polna als „Ritualmord" bezeichnete und über den vermuthlichen Ausgang des Prozesses Betrachtungen anstellte, -welche offenbar die öffentliche Meinung beeinfluffen sollten. Der Vertreter der Anklage, Oberlandesgerichtsrath Dr. B o b i e s, verwies darauf, daß der ganze Artikel so angelegt war, als könne nichts anderes.vorliegen, als ein Mord aus rituellen Beweggründen. Der Gerichtshof fand den Angeklagten schuldig und verurtheilte ihn zu 200 Kronen Geldstrafe, eventl. zu 20 Tagen Arrest. Ein hiesiges Antisemitenblatt berichtete, daß am 26. Mai die sechs Jahre alte Tochter Bronislawa der Tagelöhnerin Julia Chlodnicka von dem Juden Hersch Jägermann geraubt und zusammen mit einer achtjährigen Bauerstochter aus Hogltnica, deren Abgang die Eltern gar nicht angezeigt hatten, gefangen gehalten wurde. Bei ihrer Auffindung durch die Gensdarmerie wären die beiden kleinen Wesen ganz abgemagert und blutleer gewesen. Hersch Jägermann sei eingezogen worden, aber schon am nächsten Tage entsprungen und seither spurlos Verschwunden. Auf eineAnfrage des Abwehrbureaus der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union langte in Wien folgendes Telegramm des Vize-Bürgermeisters von Czortkow ein: „Das Lügengewebe wurde amtlich aufgedeckt und die gerichtliche Untersuchung -eingeleitet. Julia Chlodnicka gestand, auf Veranlassung gelogen zu haben." Am 26. v. M. sah sich das betreffende Blatt gezwungen, eine amtliche Berichtigung des k. k. Bezirkshauptmanns von Czortkow zu veröffentlichen, aus welcher hervorging, daß die Tochter der Chlodnicka eines Tages aus Furcht vor Strafe wegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.