Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- Wien
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 359 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Korrespondenzen. 359 Hinrichtung des angeblichen Polnaer Mörders darzustellen. Dabei war der Darsteller des Hülsner derart bearbeitet worden, daß er erst nach zwei Stunden wieder zum Leben gebracht werden konnte. Er erlitt aber' auch dabei eine Kehlkopfverletzung, welche ihn für immer der Stimme beraubte. Derjenige, der damals den-Scharfrichter spielte, wurde zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. Uerernsnachrrchten. ie in der ersten Hälfte dieses Jahres gemachten Erfahrungen haben leider nur zu deutlich gezeigt, daß nicht alle frei sind, welche ihrer Ketten spotten, daß vielmehr selbst unter den sogenannten Gebildeten noch gar viele sind, die sich von Pöbelwahn und von mittelalterlichen Gespenstergeschichten nicht ganz loszulösen vermögen. Die Urenkel der edlen . deutschen Männer, welche sich in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts für die Prometheus-Arbeit der großen französischen Freidenker und für Lessings Evangelium der allgemeinen Menschenliebe begeisterten, haben zwar durch die großartigen Errungenschaften auf weiteren wisientschaftlichen Gebieten, insbesondere auf dem Gebiete der Technik, bewiesen, daß die deutsche Geistesarbeit unablässig fortschreitet, aber sicher lasten die Fortschritte in ethischer, politischer und socialer Beziehung noch viel zu wünschen übrig. Eine ungesunde Romantik, ein dem französischen Cäsarenthum entlehnter völlig undeutscher Chauvinismus,' ein mit rastlosem Jagen nach Gewinn und Genuß verbundenes Streberthum, ein die eigene geistige Schwäche verrathendeS krampfhaftes Festhalten an langst verfallenen Vorrechten haben vielfach die Volksaufklärung gehemmt und die herrlichsten Kulturarbeiten empfindlich geschädigt. Die „Erklärung der Menschenrechte", mit welcher am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Aera der Humanität eingeleitet wurde, hatte die Emanzipation der Juden Zur nothwendigen Folge, aber nur widerwillig verzichteten die Kulturvölker auf Vorrechte, welche keinen besteren Grund als den „Zufall der Geburt" hatten; nur zögernd gewährten sie begabten Mitbewerbern, die sie vorher als Heloten betrachten dursten, die Möglichkeit, sich auf Gebieten zu bethätigen, welche ihnen bis dahin verschlosten waren. Das Bekenntniß bot den Borwand, Zugeständniste zu versagen, die im Namen der Menschlichkeit verlangt wurden, trotzdem wahre Religiosität