Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- Für Wahrheit und Frieden!
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 250 (sequence 2)
- Language
- German
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250 Im deutschen Reich. daß er, wenn auch in manchen Kreisen mit derMaske des Christenthums erscheinend, als der Feind aller wahren Religion wirkt. Wie kann ein einsichtiger Mann die Mutter der Religionen beschimpfen lassen, ohne zu befürchten, daß von der Verachtung, die man dadurch beim schlichten Manne erregt, auch die Tochter mitbetroffen werden würde? Wie kann der religiös gesinnte Christ mit ansehen und zulaffen, daß man immerfort das untere Stockwerk eines Gebäudes untergrabe und unterwühle, ohne zu befürchten, daß das obere Stockwerk nach stürzen werde? In der That ist diese Befürchtung vorhanden, in der That hat diese Wahrnehmung und Ueberzeugung, daß Antisemit zugleich Antichrist oder wenigstens unchristlich ist, gerade solche Männer zum Gegenkampfe geweckt und gerufen, die es ehrlich mit der Religion meinen, eine stattliche Anzahl von katholischen Geistlichen und Kircheufürsten, die sich gerade vom religiösen Standpunkte aus gegen Verhetzung und Lieblosigkeit ausgesprochen, im protestantischen Lager Männer wie Delitzsch und Strack, die mit dem Rüstzeug der Wiffenschast den Kampf geführt haben gegen Verleumdung und Beschimpfung des Judenthums. Diesen edlen Männern und Vorkämpfern für Wahrheit und Frieden reiht sich neuerdings ein Mann an, der auf diesem Gebiete bisher noch nicht hervorgetreten war, ein Mann, der es verdient, daß die Aufmerksamkeit der Leser auf ihn gelenkt werde. Die Leser dieser Zeitschrift werden sich vielleicht noch erinnern, daß in dem fränkischen Städtchen Haßfurt vor einigen Monaten ein israelitischer Metzger wegen behaupteter Unreinlichkeit in seinem Geschäft sich ein Strafmandat zugezogen hatte und daß dieser Einzelfall, der heute noch nicht gerichtlich erledigt ist, von dem antisemitischen Chorus aufgegriffen wurde, um die geschmacklose und frevelhafte Behauptung auszustreuen, der Talmud gebiete den Juden, da» an Christen zu verkaufende Fleisch vorher zu verunreinigen. Zu dem Märchen vom rituellen Christenmord gesellte sich also das Märchen von der rituellen Fleischbesudelung. Die Empörung über diese gefährlichen Albernheiten drückte damals dem auf positivem Boden des Protestantismus stehenden Pfarrer Dr. I a e g e r, StrafanstaltSgeistlichen in Ebrach, die Feder in die Hand zur Veröffentlichung eines Flugblatts, das er „ein Wort zum Frieden" nannte (vgl. März-Nr. S. 156). In diesem Flugblatt, das er wie eine Friedenstaube hinausflattern ließ.