Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- Konitz
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 215 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aorrespondenzen. 21S am elften Osterfeiertage in einem Graben am Schützenhause stattfand, steigert,; die Aufregung der Bevölkerung in Könitz und Umgebung in unbeschreiblicher Weise. Der Kopf war in braune Pappe eingewickelt; es fand sich aber außer dieser Pappe noch ein Stück Zeitungspapier als Hülle. Wenige Schritte vom Kopfe entfernt lag ein weißes Batisttaschentuch, welches den Buchstaben A. in Seide gestickt zeigte, und dessen Ecke ausgerissen war. Wahrscheinlich wird dieses Damentaschentuch auf eine richtigere Spur leiten, als das Sacktragen eines Handelsmannes, welches vielleicht nur in Erinnerung an die Skurzer Affaire belastend wirkte, bei welcher ein Christ und ein Jude als angebliche SaLträger als verdächtig in Untersuchung kamen, ohne daß eine Verurtheilung erfolgen konnte. Der Mörder Winters wäre vielleicht längst entdeckt, wenn man sich nicht darauf kaprizierte, ihn unter den nirgend existierenden Anhängern einer angeblichen jüdischen Blutsekte zu suchen, statt diejenigen in'S Auge zu fassen, welche die Bevölkerung am schärfsten gegen die vermeintlichen „Nitualmörder" Hetzen, um die mit der Untersuchung beauftragten behördlichen Organe auf falsche Fährte zu locken. Die entsetzliche Mordaffaire hat zu einer förmlichen Vervehmung sämmtlicher hiesiger Juden ohne Ansehen der Person und des Standes Veranlassung gegeben. Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde, die früher gesellschaftlich in den verschiedensten christlichen Kreisen verkehrten, werden wie die Pest gemieden. Im Wirthshause spricht Niemand mit ihnen, ihr Gruß wird nicht erwidert und auf der Straße sind sie steten Insulten ausgesetzt. Zuschriften der unfläthigsten Art, Drohungen mit „Mord und Todtschlag" sind an der Tagesordnung. Mit einem Worte, es herrschen Zustände, wie sie in einem Rechtsstaat nicht geduldet werden sollten. Die „Danziger Neuesten Nachrichten" schreiben: „Wenn die städtischen Organe nicht ausreichen sollten, um Ruhe zu schaffen, muß eben der Staat Eingreifen. Zunächst muß den wüsten Straßenauftritten ein Ende bereitet werden. Sind dazu die vorhandenen Polizeikräfte nicht ausreichend, so muß die Hilfe von requirierten Gendarmen, in Anspruch genommen oder es müssen sonst Mittel und Wege gefunden werden, um endlich einmal wenigstens äußerliche Ruhe zu schaffen. Man scheint jetzt Lhatsachlich in Könitz auf dem Standpunkt zu stehen, daß die Straßenskandale gewissermaßen als Ventil betrachtet werden, um der Volksleidenschaft irgend welchen Abzug zu gewähren. Schutz dem ruhigen, friedlichen Bürger, daist die Forderung, der so bald als möglich Gewährung zu schaffen sein wird." Zu argen Ausschreitungen gegen die Juden ist es bereits in Könitz und den Nachbarorten gekommen. In Prechlau, dem Wohnorte der Eltern des unglücklichen Ernst Winter, hat eine