Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1900)
- Article
- R. M. Berlin
- Date
- 1900-02-01
- Page
- 102 (sequence 1)
- Language
- German
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102 3m deutschen Reich. R. M. Berlin. In der „Staatsbürger-Ztg." (vom 9. Februar) bittet eine ältere Wittwe „christliche" Mitmenschen um Beistand und Schutz, da sie durch einen Rechtsstreit sich hilflos in „jüdischen" Händen befinde, welche durch gewissenloses Vorgehen ihre ganze Existenz ruiniert haben sollen. Die Geschäftsstelle des Antisemitenblattes nimmt Beitrage unter N. v. N. an. Sollte das Mittel, durch den Judenhaß Almosen zu erlangen, nicht schon verbraucht sein? Wenn die adlige Wittwe, die wahrscheinlich über die Konfession der „Hände", welche sie ruiniert haben, erst in der „Geschäftsstelle" belehrt worden ist, sich an „jüdische" Mitmenschen gewandt hätte, würde sie vielleicht eher mitleidige Herzen und Hände gefunden haben. O. K. Berlin. Die uns übersandte antisemitische Briefkasten- Notiz: „Die Brüder A sch in g er sind keine Juden, sondern Württemberger" hat uns riesiges Vergnügen gemacht. WaS würde der Verfasser jener geistreichen Notiz sagen, wenn jemand bemerkte: „Der Verfasier des dem 8tuä. phil. E. St. gegebenen Bescheides ist kein Preuße, sondern ein Rehberger?" F. K. Magdeburg. Selbstverständlich muß es in dem Aufsatz, „Fritz Reuter und die Juden" (Heft 1 S. 6) nicht „indische", sondern „irdische Philosophenschule" heißen. Tie Erde ist als große Philosophenschule und die Juden sind als Realisten derselben gedacht. C. T. Frankfurt a. O. In dem von den „Deutsch-sozialen Blättern" am 4. Januar d. I. veröffentlichten Artikel „Ein Urtheil über die Berliner Juden" wird eine Stelle aus dem Buche „Geheime Briefe über die Preußische Staatsverfasiung seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I!." citiert. Dieses Buch ist im Jahre 1787 zu Utrecht herausgegeben, was hinreichend beweist, wie weit die Antisemiten zurückgreifen müssen, um Material gegen die Juden zu sammeln. Sie möchten nur gar zu gern uns wieder in die Lage der Juden jener Zeit zurückschleudern, wie sie überhaupt den ganzen politischen Kurs rückwärts richten möchten. Was wohl Herr Liebermann von Sonnenberg von seinen Vorfahren im Jahre 1787, die damals sicher kein Adels-Diplom hatten, sagen könnte und wollte? Der erwähnte Artikel in seiner Zeitschrift zeigt, daß schon damals die Judenfeinde sich nicht scheuten, die Ehrenhaftigkeit des Preußischen Beamtenstandes zu verdächtigen und denselben als bestechlich hinzustellen, sobald Juden in einem Rechtsstreit nach Recht und Billigkeit behandelt wurden. Der Antisemitismus war eben zu aller Zeit denen eigen, die nichts lernen und nichts vergessen können.