Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- K. M. Berlin
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 44 (sequence 2)
- Language
- German
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44 Im deutschen Reich. werden." „In der That", sagte die Bankiers-Gattin, „man wird jetzt viel belästigt. Wer kann dafür, daß die Juden geplündert wurden? Papa sagt, es sei wegen der — wie heißt doch daS Zeug — Sprachenverordnungen. Was aber geht uns all'dies an? schicken wir also diesen Geplünderten die 2 Kronen.und laß uns über die Toiletten Nachdenken, die wir zum Konzertkränzchen wählen sollen. Du mußt, liebeS Kind, die Direktorstöchter, welche so hochnäsig thun und sich unfern Champagner so wohl schmecken lassen, überstrahlen . Das Töchterchen lächelt. Sie wird sich schön machen. Sie versteht das. Hold erstrahlend betritt sie an der Seite des Vaters und der wohlbeleibten Mutter den Tanzsaal. Alle drei sind von dem Gefühle ihrer Unwiderstehlichkeit erfüllt. Der Bankier hat 100 fl. für den „Odin" gespendet, die Brillanten seiner Gattin leuchten so, daß alle anwesenden Beamten- und Offiziersfrauen vor Neid schier bersten, und das Töchterchen sieht sich schon als Ballkönigin viel umworben. Da hört sie, wie ein Burschenschafter mit der nationalen Tricolore zu seinem Kollegen, mit rother Nase, spricht: „Ich habe geglaubt, wir werden heute judenrein bleiben, aber die krummen Nasen müssen überall dabei sein." — Arme Ballkönigin!" L. M. Magdeburg. Die „Kreuz - Ztg." hat die Manen Heinrich von Treitschke's kaum dadurch geehrt, daß sie einen aus dem Jahre 1893 stammenden Brief des genialen ManneS veröffentlichte, in welchem derselbe einem unbekannt gebliebenen hochgestellten Antisemiten dadurch ein Vergnügen zu machen glaubte, daß er den Satz einflocht: „Oder sollen wir, aus schuldiger Ehrfurcht vor dem Volke SalomoS und Bufchhoffs, diesmal gar nicht wählen?" Die „Kreuz-Ztg." glaubt vielleicht, indem sie den geistreichen Historiker den dümmsten Ritualmord-Hetzern anreihte, dafür daS ihm verzeihen zu dürfen, was sie in dem kürzlich veröffentlichten Briefwechsel Treitschke's mit G. Freytag schwer gekrankt hat. Sie hat nämlich in einem längeren Artikel die Veröffentlichung dieses Briefwechsels bedauert und wörtlich geschrieben: „Man ist freilich aus den Werken Treitschke's darüber klar, daß er von der Idee des Einheitsstaates damals so erfüllt war, daß ihm die wirklichen Verhältnisse des deutschen Volks und seiner Entwickelung darüber einigermaßen verdunkelt wurden; aber doch noch etwas anderes ist es, wenn uns diese Anschauungen und Urtheile als ein theoretisch erörtertes System entgrgentreten und wenn man von einem Tag zum andern in Briefen lesen muß, wie Personen und Sachen, beständig unter dieses Joch gebeugt, fortwährend in falscher Beleuchtung erscheinen und