Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 652 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316662--06100-2325190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65p Amfcha«. £Mie letzten Tage deS Jahres rrrbecken diesmal' besonder» ernste **' Gedanken, weil man da» herannahende Ende de» Jahrhunderts -nicht m derselben hoffnungSfteudigen Stimmung begrüßen kann, Mit welcher der Anfang des IS. Jahrhunderts jeden erfüllte, der sich für .Freiheit,Auf!lärung sind Recht begeisterte. Die von dem jüdischen Freidenker Spinoza zuerst vertretenen Grundsätze der Gedankenfreiheit und Duldsamkeit,: welche später von den französischen Aufklärungs-Philosophen in gemeinverständlicher Weise weiter verbreitet worden waren, hatten auch im deutschen Volke eine unbezwingliche Sehnsucht nach Gedanken- und Gewissensfreiheit geweckt. Die Erklärung der Menschenrechte hatte den Knechtssinn gebannt und weithin die Ideale der Gleichheit und Brüderlichkeit erstrahlen lassen; die von Jean JatqueS Rousseau mit überzeugender Kraft gepredigte Rückkehr zur Natur und zu einer vernunftgemäßen Erziehung hatte in Deutschland die geistvollsten Interpreten gefunden. In weiten Kreisen des Reiches zeigt« sich deshalb bei dem Beginn des 19. Jahrhunderts frische Werdelust, freudiger Thaten« drang, selbstverleugnender Gemeinsinn und verständnißvolle Duldung fremder Anschauungen, und darin lag die Bürgschaft für jene großen Kulturfortschritte, welche von da ab erzielt wurden. Die letzten drei Decennien dieses Jahrhunderts ließen aber einen weiteren Aufschwung vermisien. Wohl schuf der Menschengeist rastlos weiter und zeitigte besonders auf technischem Gebiete Errungenschaften von hohem Werthe, aber mit dem materiellen Gewinn dieser Fortschritte waren vielfach eine bedauerliche Steigerung der Ichsucht und eine schädliche Unterschätzung der Herzensbildung verbunden. Um Einzelnes zu verbessern und im Kleinen Großes zu leisten, verlor man vielfach den Nutzen des Ganzen aus dem Auge; die Spezialisten verdrängten auf vielen Gebieten die hochstrebenden Männer der universellen Bildung. Je mehr die materialistische Richtung die Gemüther beeinflußte, desto mehr mußte auch in den Augen Vieler die Unabhängigkeit im Denken und Handeln ihren Werth verlieren und der Einzelne bei dem sich beständig verschärfenden Kampf um's Dasein den Beistand der Gesammtheit suchen. Eine rastlose Jagd nach Gewinn und Genuß, ungesundes Streberthum, gefühllose Rücksichtslosigkeit und gedankenlose Vermengung von Politik und Religion nahmen überhand, störten vielfach nicht nur die Lebensfreude der Einzelnen, .sondern auch den