Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 11 (November 1899)
- Article
- Prag
- Date
- 1899-11-01
- Page
- 620 (sequence 2)
- Language
- German
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620 Im deutschen Reich. Kruzifix in der Hand, einen heiligen Eid darauf geleistet, daß an der Blutbeschuldigung gegen die Juden kein wahres Wort sei, daß daS Judenthum kein solches Gesetz und keine solche Gesetzesauslegung befitzt noch je befolgt hat. X Wien, 10. November. Dem „Neuen Wiener Tageblatt" zufolge hat der bekannte Klaviervirtuose Professor Theodor Leschetitzky über die Gründe seiner Übersiedelung von Wien nach Wiesbaden sich in nachstehender Weise ausgesprochen: „Ich bin ein ehrlicher Musiker und kümmere mich eigentlich erst in zweiter Reihe um die Politik. Seitdem ich aber sehe, daß die allgemeine Verhetzung solche Dimensionen angenommen hat, daß die Politik sogar in die Kunst hinübergeschmuggelt wird, muß ich selbst den politischen Vorgängen mehr Achtsamkeit zuwenden. Und da beobachte ich, daß man denselben unerhörten Terrorismus, den man in allen anderen Fragen des öffentlichen Lebens bethätigt, auch auf das neutrale Gebiet der Kunst verpflanzt. Es giebt keine konfessionelle Kunst, und ich bin innerlich empört über die Respektlosigkeit, mit der verdiente, hochbedeutende Künstler behandelt werden, weil ihr politisches oder religiöses G l a u b e n s b e k e n n t - niß gewissen heutigen Machthabern nicht gefällt. In einer solchen Stadt mag ich nicht leben. Ich bin frei und unabhängig, meine Schüler folgen mir, wohin ich gehe, ja, ich kann sagen, daß sie nur ungern, direkt meinetwegen nach Wien kommen, daß sie viel lieber mich aussuchten, wenn ich in Deutschland oder sonst wo im Auslande lebte. Die Verhetzungen haben nur zur Folge, daß das Musikleben Wiens unter solchen Verhältnissen zurückgehen muß, und man wird begreiflich finden, daß es einen freien Musiker dorthin zieht, wo die erwähnten Ursachen und folgerichtig auch die erwähnten Wirkungen fehlen." Der christlich-soziale Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, mißbrauchte in einer am 23. Oktober abgehaltenen Antisemiten-Versammlung das bekannte heilige Wort aus Hiob zu folgender Spottrede: „Die Sprachenverordnungen sind gegeben, die Sprachenverordnungen find uns wieder genommen worden — . gelobt sei der judäo-magyarische Einfluß." l^eeeatur extra niuros et intra!