Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 546 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316660--05877-2324881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
546 3m deutschen Reich. Paris, Frau Julius Porges, geb. Wodianer, einer getauften Jüdin, welche die orleanistisch - antisemitische Sache mit einer Spende von 100 000 Francs unterstützte, weil sie sich durch die Theilnahme deS Herzogs von Orleans an einer von ihr in Marienbad veranstalteten Theegesellschaft geschmeichelt fühlte, ist leider kein vereinzeltes. Das Judenthum, welches von solchen Convertiten abgestreift wurde, kann aber für diese Elemente nicht verantwortlich gemacht werden; es adelt seine Bekenner, die durch alle Prüfungen und Verfolgungen immer neu gestählt an dem Satz festhalten: „Sei Dir selber treu und daraus folgt so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen!" A. L. X Berlin, 20. Oktober. An die Bürgerschaft Berlins richtet der Wahlausschuß der „parteilosen Bürgervereinigung" einen Aufruf, welcher bezweckt, durch die bevorstehenden Stadtverordneten wählen „die städtische Verwaltung in andere Bahnen zu lenken". Unterzeichnet ist dieser Aufruf von den bekanntesten Berliner Antisemiten, den Herren Bachler, Wilberg, Pretzel, Ulrich, Nieprich, Brause u. a. m., welche sich offenbar davon überzeugt halten, daß mit dem Antisemitismus in Berlin kein politisches Geschäft zu machen ist, und deshalb die Fahne der „Parteilosigkeit" herausstecken für diejenigen, von denen sie noch nicht erkannt sind. Hoffentlich wird ihnen dies Manöver nichts nützen. Am 13. Oktober trat in einer Versammlung im Moabiter Kasino Rechtsanwalt Ulrich als Kandidat der „parteilosen Bürgervereinigung" für die Stadtverordnetenversammlung auf, entpuppte sich aber als antisemitischer Parteimann, indem er erklärte, daß er wegen der Kandidatur sein politisches Glaubensbekenntniß nicht abschwören wolle. Er bewies dies, indem er bei Darlegung seines Programms sich gegen die Anstellung jüdischer Lehrer in christlichen Schulen erklärte und von empörenden Fällen sprach, in denen jüdischen Lehrerinnen, wenn auch nur vorübergehend, der christliche Religionsunterricht anvertraut worden sei. Er schloß mit der Erklärung, „daß er es nicht dulden wolle, daß christlichen Schülern von jüdischen Lehrern etwas vorgemauschelt werde". Diesem Programm Ulrichs entsprach der ganze Verlauf der Versammlung, der ein solcher war, daß er den Charakter der „Bürgervereinigung" durchaus nicht als einen „parteilosen" erscheinen